Zeitung Heute : Von deutscher Romantik geprägt

Der Jugendstil brachte Bewegung in die finnische Architektur

Ritva Wäre

In den meisten europäischen Ländern ist die Zeit um das Jahr 1900 sowohl in der Architektur als auch in der Stadtbaukunst eine Zeit des Wandels. Der Wandlungsprozess verlief nahezu überall nach den gleichen Mustern: Die Bestrebungen eine nationale Architektursprache zu entwickeln, verschmolzen mit einem internationalen Stil, der mal „Jugendstil“, mal „Art Nouveau“ oder „Moderner Stil“ hieß. Das Gemeinsame bestand darin, dass die Nachahmung historischer Stile verworfen wurde und eine freiere und persönliche Kunst Auftrieb erhielt.

In Finnland hieß es damals, dass die Baukunst bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Importware gewesen sei. Die Merkmale einer neuen Architektur wurden erst allmählich sichtbar. Eines davon war die vor allem in Nord-Europa verbreitete Anwendung von Naturstein als Fassadenmaterial. Darüber hinaus suchte man nach einem spezifisch finnischen Holzbaustil. Die junge Architekten-Generation bemühte sich unverkennbar um eine eigene Ausdrucksform. Begleitet wurde dies von einer dynamischen wirtschaftlichen und geistigen Entwicklung.

Die drei Architekten Herman Gesellius, Armas Lindgren und Eliel Saarinen beherrschten bald mit ihrem Büro den Markt. Sie erhielten die größten und wichtigsten Aufträge, und auch von der Öffentlichkeit wurden ihre Arbeiten am stärksten beachtet. Sie fanden so viele Nachahmer, dass man sie durchaus als Begründer einer eigenen Stilrichtung bezeichnen darf. Weitere bekannte Namen sind Lars Sonck, Selim A. Lindqvist sowie Valter Thomé und Karl Lindahl.

Im Jahr 1898 gewannen Gesellius, Lindgren und Saarinen den Wettbewerb für den Finnischen Pavillon auf der Weltausstellung 1900 in Paris. Mit seinem fantasievollen Äußeren und den Steinportalen amerikanischen Stils weckte der Entwurf sofort Aufmerksamkeit. Die für dieses national bedeutsame Bauobjekt gewählte Lösung galt als Richtung weisend. Wie der Architekt Ivar Aminoff schrieb, war nun eine Entscheidung gefallen: Da Finnland keine Voraussetzungen für einen eigenen Baustil besitze, müsse „das kleine finnische Volk“ sich notwendigerweise der großen germanisch-angelsächsischen Kulturströmung anschließen. Als Gesellius, Lindgren und Saarinen den Architekturwettbewerb für das Finnische Nationalmuseum im Jahr 1902 gewannen, war ihr Ruf in Finnland endgültig gefestigt.

Zur gleichen Zeit, als die ersten Anzeichen eines neuen Architekturstils sichtbar wurden, gelangte der Begriff Stadtbaukunst nach Finnland. Bis zum Ende der 1890er Jahre waren Ingenieure für die Stadtplanung verantwortlich gewesen; die meisten Bebauungspläne wiesen ein Schachbrettmuster auf. Die Neuerungen, nunmehr von Architekten ausgeführt, waren ein dem Gelände angepasster, natürlicher Bebauungsplan und ein aus Mitteleuropa übernommenes, die mittelalterlichen Städte idealisierendes Stadtbild.

Um diese Zeit wurden die ersten, an englischen und deutschen Vorbildern orientierten Villenviertel entworfen. Auch finnische Architekten wurden dabei maßgeblich von dem 1889 erschienenen Werk „Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen“ des Wieners Camillo Sitte beeinflusst. Wie Bertel Jung später schrieb, war die Stadtplanung der Jahrhundertwende von der „deutschen Städtebauromantik“ geprägt.

Bezeichnende Merkmale der Etagenhäuser des neuen Stils waren ein reich gegliedertes, häufig mit roten Ziegeln gedecktes Dach, mit Türmchen und Erkern belebte, verputzte Fassaden, eine durchgängig nicht klassizistische, häufig asymmetrische Fassadengliederung und variierende Fensterformen. Zur Verschalung des Erdgeschosses oder zur Einrahmung von Haustür und Einfahrt wurde bisweilen Naturstein verwendet. Als Einzeldekorationen begegnet man mitunter Tier- und Pflanzenmotiven sowie auf die Architektur des Mittelalters anspielende Formen. Im Inneren bemühte man sich um geräumige Einheiten und durch Erker gut ausgeleuchtete Räume. Ein Motto jener Zeit besagte, dass man auch in der Stadt nicht Mietskasernen, sondern ein Zuhause bauen solle.

Ritva Wäre ist promovierte Kunsthistorikerin und Direktorin des Finnischen Nationalmuseums in Helsinki.

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