Zeitung Heute : Von ganz unten

Der Kanzler in Stoibers Revier: Auf dem Münchner Marienplatz zeigt er sich ganz entspannt. Dabei galt er vor der Flut noch als Verlierer. Seither holt Gerhard Schröder auf. Bei den Wählern und der eigenen Partei wirbt er für sich als Kandidat der einfachen Leute.

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Von Peter Siebenmorgen

Mit ruhiger Hand greift Gerhard Schröder zum rechten Schuh. Zehn Minuten vor der Landung in München ist der Bundeskanzler aus seinem halbstündigen Nickerchen aufgewacht. Er reckt und streckt sich, zieht die Beine vom gegenüberliegenden Sitz in der Challenger-Maschine der Bundesluftwaffe, richtet sich auf. Dann greift er nach den rahmengenähten Schuhen, nimmt erst den linken, weitet die Schnüre ein wenig, zieht ihn über den Fuß – passt. Beim rechten dauert es etwas länger, denn der ist eng am Spann des früheren Mittelstürmers vom TuS Talle. Er lockert geduldig die gewachsten Schnürsenkel. Dabei rutscht das linke Ende fast aus der Öse, der deutsche Regierungschef zupft und richtet so lange an den Schlaufen, bis beide Enden in etwa wieder die gleiche Länge haben. Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit. Jetzt endlich passt auch der rechte Fuß in den Schuh. Der ist blitzblank gewienert, so wie Kanzler Schröder in allem glänzen will.

Er ist auf dem Weg zu einer seiner vielen Großkundgebungen in der Schlussphase des Wahlkampfs, auf dem Weg nach München, in die Höhle des Löwen. Er ist bereit. „Jutt“, murmelt Gerhard Schröder, der jetzt vom Passagier wieder zum Bundeskanzler und SPD-Vorsitzenden geworden ist, im halbleisen Selbstgespräch vor sich hin. „München ist immer etwas Besonderes.“

Sowieso. Und an diesem Mittwoch im August erst recht. Denn vom Marienplatz, wo er gleich sprechen wird, sind es keine 2000 Meter Luftlinie bis zur bayerischen Staatskanzlei. Dort regiert sein Gegner und Herausforderer – oder packt er womöglich schon die Koffer für den Umzug nach Berlin? Auch die CSU-Landesleitung in der Nymphenburger Straße ist ganz nah.

„Die SPD ist ein Sauhaufen“, hat vor einigen Monaten Helmut Schmidt einem Genossen aus dem Parteivorstand anvertraut, den er zufällig im Zug von Berlin nach Hamburg traf, „die CDU ein korrupter Sauhaufen, die FDP ein stinkender Sauhaufen“, und die Grünen – nun ja. Eine ordentlich funktionierende, schlagkräftig operierende Partei sei dagegen die PDS. Und, mehr noch: die CSU. Gerade bei Wahlkundgebungen mit Bundesprominenz der SPD in München hat man das Jahr für Jahr studieren können. Wie gesittet und diszipliniert doch die Konservativen Versammlungen des politischen Gegners mit Trillerpfeifen stören.

Nach dem ersten Fernsehduell haben die Anhänger des CSU-Vorsitzenden erst recht Oberwasser. Denn Stoiber hat sich gemessen an den Erwartungen gut geschlagen im Vergleich mit jenem Amtsinhaber, den auch die meisten Medien als Verlierer sehen. In der gepanzerten Limousine, mit der er vom Flughafen in die Innenstadt gleitet, beschäftigt sich der Kanzler noch einmal damit. Ja, sagt er unumwunden, am vorangegangenen Sonntag sei er unter seinen Möglichkeiten geblieben. Das schematische Format des Duells liege ihm, der sich lieber in direkter Rede und Widerrede auseinandersetzt, nicht. Nein, den Krawallbruder konnte er nicht geben, das passt nicht zur Rolle des Staatsmanns, die er mit der Zeit dann doch noch angenommen hat und in der er sich nun sogar fast schon heimisch fühlt. Schröders Miene sagt alles: Es fällt ihm sehr schwer, bei Stoiber ruhig zu bleiben. Die schlichte Anwesenheit des Mannes nervt ihn und birgt die Gefahr, einen Schlüsselreiz auszulösen. Er kann ihn kaum ertragen.

„Der nicht!“

Ob es eine persönliche Katastrophe für ihn wäre, wenn er die Wahl verliere, wurde der Kanzler im Sommer, als die Umfragewerte verheerend waren, zu später Stunde gefragt. Er überlegte, machte sich die Antwort sichtlich nicht leicht: Nein, das nun nicht – obwohl er selbst, die SPD, Rot-Grün und auch das Land so was nicht verdient hätten. In eine politische Niederlage an sich, die er natürlich nicht will und die er auch damals eher für unwahrscheinlich hielt, könne er sich schon fügen. Aber Stoiber? „Der nicht“, hatte er grimmig erwidert, an jenem Abend im Sommer, als viele die Wahl schon für entschieden hielten.

Er würde schon gern zubeißen, wenn es nur nach seinen Gefühlen ginge. Weil das aber das mühsam über die Jahre erworbene Ansehen des Regierungschefs empfindlich stören würde, darf er das nicht. Von der erforderlichen Selbstkontrolle bis zu einem gewissen Maß an Sterilität ist es aber nicht weit. So war es beim Duell. Auch deshalb hat Schröder nicht klarer gepunktet. Stoiber sah sich als Sieger. In dessen Revier, in München, wird der Kanzler gleich um seine Wähler werben müssen. Ein Heimspiel ist das nicht.

Passend zum Tag hat eine Münchner Boulevard-Zeitung geschrieben, dass der Genosse Christian Ude, Oberbürgermeister der bayerischen Metropole, Schröder im Stich lasse. Zwischen den beiden Sozialdemokraten gibt es seit einiger Zeit immer wieder öffentliche Reibereien; der Bund und damit auch der Kanzler sei, so findet Ude, schuld an der katastrophalen Lage der Stadtkasse.

Doch Schröder braucht sich nicht einsam zu fühlen, als er mit seinem kleinen Tross kurz nach 17 Uhr energischen Schritts durch das Münchner Rathaus eilt, um die Bühne auf dem Marienplatz zu erreichen. Aus Berlin begleiten ihn Otto Schily und Julian Nida-Rümelin; auch an bayerischen Spitzengenossen mangelt es nicht. Es sind sogar einige Künstler erschienen, die, angeführt vom Schriftsteller Tilman Spengler, kurz vor der Rede des Kanzlers ihre Initaitive „1000 Gründe für Schröder“ vorstellen.

Und wie er strahlt! Dass die Stimmung draußen am Versammlungsort prima ist – der Platz ist voll, das Wetter spielt mit, die Trillerpfeifen sind dann doch zu Hause geblieben –, hat der SPD-Vorsitzende schon bei der Ankunft gespürt. Wenn auch Ude nicht kommt, so ist doch Hans-Jochen Vogel da. Der hatte früher einmal, lange bevor er selbst SPD-Vorsitzender und Kanzlerkandidat seiner Partei wurde, die Geschicke der Stadt als Bürgermeister zu verantworten.

Der Kanzler entdeckt seine Biografie

Dieser über die Maßen strenge ältere Herr begrüßt an seiner früheren Wirkungsstätte den Kanzler: mit überbordender Herzlichkeit. Dabei hat sich Vogel doch sein bisheriges Leben lang mit jenem Typus Sozialdemokrat, den Gerhard Schröder eben noch verkörperte, immer schwer getan. Dem Vorvorvorgänger widerstrebt das Lustprinzip, er hat immer der Sache gedient. Deshalb auch machte er nie ein Hehl daraus, wie wenig ihm das Anfangschaos der rot-grünen Regierung behagt hat, wie sehr er zuweilen auch an deren Chef gezweifelt hat, weil der keine Ordnung schaffen konnte.

Hans-Jochen Vogel also, dieser sich selbst und alle anderen stets fordernde und selten lobende Mann, tritt nun vor dem Kanzler an das Mikrofon, um ihn seinen Münchnern ans Herz zu legen. Wenn Gerhard Schröder vom Elend und der Not der Menschen spreche, wenn der Bundeskanzler Gemeinsinn und Solidarität der Deutschen beschwöre, wenn dieser SPD-Vorsitzende von sozialer Gerechtigkeit rede – „dann“, sagt Vogel respektvoll direkt an Schröder gewandt, „sprichst du von eigener Erfahrung.“ Es weiß ja jeder, woher Schröder kommt: von unten, fast ganz unten. „Darin“, fährt Vogel fort, „hat das Vertrauen zu dir seine Wurzel.“ Jener, der ganz in der Nähe, der in der bayerischen Staatskanzlei seine Geschäfte verrichte und zum Aufbruch nach Berlin blase, könne sich da vielleicht etwas vormachen, den Menschen aber nicht. „Kompetenz allein ist nicht alles, Vertrauen gehört dazu“, sagt Vogel.

Schröders Lebenserfahrung flößt Vertrauen darin ein, dass er die wahre Wirklichkeit kennt. Dass er weiß, was Arbeitslosigkeit bedeutet, Armut auch. Deshalb hat er ja auch 1998 versprochen, mehr Menschen Jobs zu bringen. Und hält es doch nicht. Er, der immer sagt, dass er weiß, wo er herkommt und daher weiß, wo er hingehört. Der Ärger ist ihm anzusehen, über die Zahl der Arbeitslosen, darüber, dass er die konkrete Zahl von 3,5 Millionen versprochen hat – und darüber, dass erst in der Krise Reformen möglich werden. Und weil er die Leute teilhaben lässt, sich erklärt, konnte er mit seinem späten Reformwerk für den Arbeitsmarkt gegen den Konkurrenten aus Bayern in den Meinungsumfragen doch noch einigermaßen bestehen. Danach hat ihm die Flut geholfen. Der Kanzler und Krisenmanager wurde nicht als technokratischer Macher, sondern als mitfühlender Regierungschef angenommen. Nur kommen jetzt die ganzen anderen Probleme zurück, die Jobmisere, die Pleiten, die Konjunkturflaute.

Glaubwürdigkeit, die aus der Biografie erwächst – das ist es, was sich Gerhard Schröder seit dem jähen Abgang von Oskar Lafontaine, der den meisten Genossen als echterer Sozialdemokrat galt, Zug um Zug in seiner SPD erwerben wollte. Jetzt, im Wahlkampf, zahlt es sich aus, dass Schröder Blicke in seine Vergangenheit nicht nur zulässt, sondern seit einiger Zeit auch selbst die eigene Biografie als Argument in der politischen Auseinandersetzung einsetzt: gerade noch dezent, doch unüberhörbar. Zum Beispiel, wenn der Kanzler und jetzt der Wahlkämpfer in der Bildungsdebatte nach Pisa immer wieder beschwört: Es müsse darauf ankommen, was einer im Kopf hat, nicht aber, wieviel bei „Mama und Papa im Geldbeutel“ klingelt – „ich weiß aus Erfahrung, wovon ich rede“, fügt er dann immer hinzu.

Das wirkt. Die Leute jubeln. Diesen Parteivorsitzenden nimmt die SPD gern an, und jetzt ist auch der Blick darauf frei, was den ungeliebten „Genossen der Bosse“ der Hallodri-Phase tatsächlich ausmacht, was ihn in Wahrheit geprägt hat. So erklärt sich außerdem die Paradoxie, dass Schröder zum Zeitpunkt seiner größten Macht im Innern der Partei nicht mehr als reine Machtmaschine verstanden wird. Je mehr das Vertrauen in der SPD darin wächst, dass Schröder am Ende doch „einer von uns“ ist, umso mehr Spielraum hat er für sich gewonnen.

Natürlich ist bei der Neuordnung der Verhältnisse nicht nur neue Zuneigung im Spiel, dann wäre dies kein Stück aus der Politik. Macht und gegenseitige Interessen sind mindestens genauso wichtig. Das ist Schröder: Er nimmt die eigenen Leute bei der Vertrauensabstimmung über den deutschen Afghanistan-Einsatz in Geiselhaft, um zu gewinnen – und zeigt gleichzeitig mit dem gefährlichen Manöver, dass es ums Prinzipielle geht, dass ihm Macht nicht mehr alles bedeutet. Inzwischen hat die Partei das begriffen; und sie vertraut sich ihm an. Weil sie weiß: Sie hat keine andere Chance. Jetzt, je näher der Wahltag rückt, wird dieser Mechanismus immer deutlicher. Gewinnt die SPD, dann ist dies Schröders Sieg; verliert er, ist es seine Niederlage.

„Wir sind nicht im Schülerparlament“

Der neue Ton der Versöhnung zwischen Partei und Schröder ist bei allen Wahlveranstaltungen zu spüren. Er erlaubt es dem Vorsitzenden und Kanzler sogar, auf jegliche Geste der Anbiederung zu verzichten. Schröder spricht die Versammelten nie als „Genossen“ an, sondern apostrophiert seine Zuhörer wahlweise als „Damen und Herren“ oder „Freundinnen und Freunde“. In München wäre ihm um Haaresbreite beim Schlusssatz herausgerutscht, dass er sich mit Blick auf den 22. September verlasse – „auf eure Unterstützung“. Doch das „eu…“ liegt schon auf der Zunge, da wird es schnell weggeschluckt, und so verlässt sich der SPD-Vorsitzende am Ende allein „auf Ihre Unterstützung“.

Der Friede mit der eigenen Partei tut Schröder sichtlich gut. Vielleicht, wahrscheinlich sogar denkt er immer noch über die meisten Mitstreiter in Berlin, was er früher offen sagte: „ein Kartell der Mittelmäßigkeit“. Wenn er in internen Sitzungen nervige Wortbeiträge abbügelt – „wir sind hier nicht im Schülerparlament“ –, kann man das erahnen. Manchmal kommt es sogar vor, dass Schröder selbst vor Außenstehenden Missbilligungen von ranghohen Mitstreitern nicht verbirgt. Beispielsweise, als die katholischen Bischöfe sich mit dem SPD-Präsidium trafen und dabei auch über das Reizthema „Homo-Ehe“ sprachen. Herta Däubler-Gmelin, die sich bei dieser Begegnung besonders engagiert für das Reformprojekt ins Zeug legte, hielt es für nötig zu betonen, dass sie persönlich gar nicht betroffen sei: Seit weit mehr als zwanzig Jahren sei sie verheiratet. Zur allgemeinen Erheiterung, besonders der Bischöfe, unterbrach Schröder seine Justizministerin barsch: Wenn er alle seine Ehen zusammenzähle, komme er auf eine ähnliche Zahl. Solche Spitzen gibt es immer wieder, immer noch. Nur, dass sie jetzt keinem provokativen Zweck mehr dienen, dass jede aggressive Note fehlt.

Der Auftritt in München ist zu Ende, gleich geht es weiter zur nächsten Veranstaltung. München war etwas Besonderes, auch weil der Herausforderer nicht weit entfernt ist. Vor vier Jahren wollte keiner mehr den alten Kanzler sehen, alle wollten den Aufbruch. So war es beim letzten Mal auf dem Marienplatz: Schröder war siegesgewiss. Veränderung lag in der Luft. Und heute? Der Kanzler geht von der Bühne, ganz entspannt. Wird alles beim Alten bleiben, sagt sein Gesicht.

Martin E. Süskinds Kolumne finden Sie heute ausnahmsweise auf Seite 4.

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