Zeitung Heute : Von Gefahr zu Gefahr

Was passiert, wenn bin Laden tatsächlich geschnappt wird? Wer würde sein Nachfolger? Warum es vielleicht besser wäre, den Terrorchef zu isolieren statt ihn zu fangen

Frank Jansen

Angenommen, Osama bin Laden wäre ausgeschaltet, tot oder lebendig. Gäbe es einen Nachfolger mit einer vergleichbaren Ausstrahlung? Die Frage beantworten Sicherheitsexperten mit einem klaren Nein. Aber sie sagen auch, dieser Punkt sei nicht von zentraler Bedeutung. Das weltweite Netz des islamistischen Terrors habe sich längst so weit verästelt, dass die Anschläge auch ohne Hilfe bin Ladens und der Al Qaida fortgesetzt werden. Allerdings sei zu erwarten, dass die Festnahme oder der Tod der Symbolfigur eine Welle von Racheaktionen nach sich zieht. Es wäre vielleicht besser, meinen Sicherheitsexperten halblaut, bin Laden bleibe im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet, wo er nur mühsam Kontakt zum Al-Qaida-Netz halten könne.

Nicht allzuweit entfernt von bin Laden hält sich vermutlich sein Stellvertreter und potenzieller Nachfolger auf, der Ägypter Aiman al Zawahiri. Auf seinen Kopf hat das FBI 25 Millionen Dollar ausgesetzt – genauso viel wie für die Ergreifung bin Ladens. Sicherheitsexperten sagen, Zawahiri sei auch in der pakistanischen Grenzregion Waziristan unterwegs. Als ein Indiz gilt das Video, das Al Qaida auf zynische Weise genau zum zweiten Jahrestag des 11. September in die Weltöffentlichkeit lancierte. Auf dem Film sind Osama bin Laden und Zawahiri zu sehen, wie sie durch eine Berglandschaft wandern, offenbar an der afghanisch-pakistanischen Grenze. Der dickliche Zawahiri wirkt erschöpft, im Unterschied zum lächelnden und angeblich nierenkranken bin Laden.

Das im September 2003 bekannt gewordene Video sei allerdings schon 2001 aufgenommen worden, heißt es in Sicherheitskreisen. Den Kameramann von Al Qaida hätten die Amerikaner im November 2001 festgenommen, er befinde sich jetzt in Guantanamo, dem US-Gefangenenlager auf Kuba. Danach habe es nur noch Anfang 2002 ein Video minderer Qualität mit Bildern von bin Laden gegeben. Wo der Film gedreht wurde, sei unbekannt. Der Al-Qaida-Chef und vor allem Zawahiri haben sich dann mit Tonbandaufnahmen zu Wort gemeldet. Zawahiri drohte beispielsweise Deutschland, man könne die „Dosis“ des Anschlags auf der tunesischen Ferieninsel Djerba noch erhöhen. Durch die Explosion im April 2002 kamen 14 deutsche Touristen ums Leben.

Zawahiri wäre als Nachfolger bin Ladens eher eine Art Nachlassverwalter. Trotz der wüsten Tonbanddrohungen fehlt ihm das Charisma, um sich zum neuen Terrorguru aufzuschwingen. Außerdem gibt es da noch eine Figur, die Ambitionen zeigt. Der Jordanier Abu Mussab al Zarqawi, mutmaßlich Initiator schwerer Anschläge im Irak, hat 2003 erstmals eine Tonband-Botschaft abgesetzt. 65 Minuten lang wütet Zarqawi und zitiert wie ein Prediger aus dem Koran. Deutsche Sicherheitsexperten bezweifeln allerdings, dass er den von den Amerikanern entdeckten Brief verfasst hat, in dem ein Religionskrieg zwischen Sunniten und Schiiten im Irak beschworen wird. Dem phantomhaften Zarqawi wird auch kein Charisma nach dem Vorbild bin Ladens zugetraut. Aber der Jordanier repräsentiert exakt die Figur, die eine Kontinuität des Schreckens garantiert: ein Fanatiker, der immer weiterbombt. So wie die militanten Islamisten in Indonesien und die philippinische Terrorgruppe Abu Sayyaf – die sich zu dem Anschlag auf eine Fähre bekannt hat, bei dem im Februar nahe Manila 130 Menschen starben.

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