Zeitung Heute : Von guten Mächten geborgen

Berlin verabschiedet sich von Johannes Rau

Gerd Appenzeller

Man mag das abgegriffene Wort vom Himmel, der um Johannes Rau weint, nicht traktieren, aber Berlin wird an diesem Dienstag vom schauderhaftesten Wetter geschüttelt, das diese an meteorologischen Unbilden wahrhaftig nicht arme Stadt zu bieten in der Lage ist. Seit der Nacht taut es, der Schnee ist in Regen übergegangen, rund um den Dom stehen auf vereisten Wegen tiefe Pfützen, die Wolken hängen tief, November liegt in der Luft. Wer, vor den Böen flüchtend, den Innenraum der gewaltigen Bischofskirche erreicht hat, fühlt sich auf einmal geborgen – eingebettet in die vielen Menschen, die Abschied von Johannes Rau nehmen wollen. Er ist der erste Tote der jungen Berliner Republik. Als Willy Brandt 1993 starb, war Bonn noch Hauptstadt, und der frühere Kanzler fand seine letzte Ruhestätte auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof. Johannes Rau hingegen wird auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Mitte beigesetzt werden, nahe den Gräbern von Brecht und Helene Weigel, Anna Seghers und Johannes R. Becher, von Hegel und Fichte.

Der Katafalk mit dem toten Altbundespräsidenten steht im Altarraum. Das indirekte Licht, von den goldgefassten Deckenmalereien reflektiert, umhüllt den Sarg wie ein schützender Mantel. In der weiten Rotunde verschwindet er fast. Angesichts der Ewigkeit werden auch große Menschen klein.

Der Trauergottesdienst aber, zu dem die Spitzen der Republik gekommen sind – das Protokoll erwähnt trocken die „Vorfahrt der Verfassungsorgane“ – atmet nicht jene manchmal fast schon verzweifelte Atmosphäre, die evangelische Beerdigungen so schwermütig machen kann. Das liegt vor allem an der Musik. Es sind jene Lieder aus dem Evangelischen Kirchengesangbuch, die der älteren Generation vertraute Begleiter durch ein langes Leben waren und sind – Wachet auf, ruft uns die Stimme; Befiehl du deine Wege; Ich singe dir mit Herz und Mund. Es sind Texte und Melodien, wie sie auch Johannes Rau geliebt hat, getragen von Zuversicht und Gottvertrauen und dem Glauben, in seinen letzten Stunden gehalten zu werden. Das entspricht Raus Lebensmotto, dem Leitmotiv der Bekennenden Kirche: Ich halte Stand, weil ich gehalten werde. Und es findet sich auch in dem wunderbaren Bonhoefferlied, das die Gemeinde tastend singt: Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.

Bischof Wolfgang Huber greift das Bild des Haltens und Fallens in seiner Würdigung Raus dann noch einmal auf. Er zitiert Pastor Heinrich Albertz, der Johannes Rau nach dessen Nierenkrebsoperation vor 14 Jahren tröstend auf den Weg gab: Wir können nicht tiefer fallen als in Gottes Hände. Der EKD-Ratsvorsitzende rief der Trauergemeinde ins Bewusstsein, dass Rau als junger Mensch noch die Christenverfolgung der NS-Zeit erlebt habe und dass seine Devise „Versöhnen statt spalten“ nicht der Einfältigkeit, sondern der Liebe zu den Menschen entsprungen sei. Die Heiterkeit des Glaubens habe ihm geholfen, mit der Unzulänglichkeit der Welt umzugehen.

Bundespräsident Horst Köhler, der österreichische Bundespräsident Heinz Fischer und der langjährige SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel erinnerten später während des offiziellen Staatsaktes in persönlichen Bildern an Stationen aus dem Leben Johannes Raus. Köhler hob dabei vor allem Raus Verdienste um die deutschen Beziehungen zu Israel und Polen hervor und würdigte den Toten als einen, der stets das ganze Deutschland im Sinn gehabt habe. Die Musik knüpfte dieses Band fort – von Mozart, der auch in Berlin komponiert hat, über Mendelssohn-Bartholdy, den zum Protestantismus übergetretenen Berliner Juden bis hin zu Johann Sebastian Bach, den Mendelssohn-Bartholdy in der Berliner Singakademie 1829 mit der Aufführung der Matthäuspassion wieder der Vergessenheit entrissen hatte.

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