Zeitung Heute : Von Hämmern und Glocken

KAMMERMUSIKSAAL Der Pianist Herbert Schuch liebt überraschende Kombinationen.

Geduldig hat sich Herbert Schuch in die erste Reihe der jüngeren Pianisten gespielt. Der in Salzburg unter anderem von Karl-Heinz Kämmerling ausgebildete Musiker arbeitet seit einigen Jahren regelmäßig mit Alfred Brendel zusammen – eine bessere Referenz ist kaum denkbar. Im Gespräch wirkt der Pianist, kurz vor dem Aufbruch zu einer Japan- Tournee, so selbstbewusst wie bescheiden. Schuch entstammt einer Familie von „Donauschwaben“, die 1988 nach Deutschland übersiedelte. „Heute ist Rumänien für mich ein ziemlich fremdes Land, auch weil die deutschsprachigen Bewohner in einer Art Enklave lebten.“ Kein Wunder, dass der Pianist seine eigentliche Heimat in der Musik und der deutschen Sprache gefunden hat. Nach prägenden Erlebnissen befragt, erzählt Schuch: „Ich erinnere mich noch, wie sich alles in mir geradezu zusammenschnürte, als ich zum ersten Mal eine Brahms-Sinfonie hörte.“ Früh lernte der Pianist aber auch die französische Musik lieben. An der französischen Klaviermusik fasziniert ihn, dass sie tatsächlich ganz aus den klanglichen Möglichkeiten des Instruments entwickelt wurde. Die deutsche lässt dagegen oft eine kammermusikalische oder sinfonische Dimension erkennen.

Wie beschreibt Schuch sein eigenes Klangideal? „In der Ausbildung wird oft zu viel Wert auf den puren Schönklang gelegt. Man kann das mit einem Gesang vergleichen, der sich nur auf die Vokale konzentriert und die Konsonanten unter den Tisch fallen lässt. Auch als Pianist muss man vor allem das ,Sprechen’ lernen, dem Ton Dreidimensionaliät und Sinn verleihen.“ Schuchs verbale Eloquenz überrascht wenig, wenn man seine sorgsam zusammengestellten Programme kennt. Am 3. März wird er nun im Kammermusiksaal debütieren. Sein Recital trägt den Titel „Ruf der Glocken“ und spannt einen Bogen von Bach über Liszt, Ravel und Messiaen bis zum Zeitgenossen Tristan Murail. Schuchs Fantasie entzündet sich in dieser Zusammenstellung geistlich inspirierter Werke an Kontrasten: Protestantismus und Katholizismus, Gottvertrauen und Verzweiflung, Virtuosität und Meditation. Das verbindende Element wird eben durch den Glockenklang gestiftet, der in fast allen Stücken auftaucht.

Große konzeptionelle Originalität prägt auch Schuchs fünf CD-Produktionen. So gehört das Doppelalbum „Sehnsuchtswalzer“ zu den wenigen wirklich gelungenen Beiträgen zum Schumannjahr 2010. Wie kaum ein zweiter Pianist seiner Generation hat er einen ganz eigenen, tatsächlich „sprechenden“ Schumannton gefunden: Ihm glückt die so schwierige Balance zwischen Empfindsamkeit und Formbewusstsein. Der Ausgangspunkt des Albums ist Schuberts „Sehnsuchtswalzer“, der in verschiedenen Werken Schumanns Spuren hinterlassen hat. So spielt Schuch hier eine kaum bekannte, Fragment gebliebene Variationenfolge, die mitten im Wort verstummt. Nach einer Atempause setzt dann mit großer Wirkung der Schubert’sche Walzer ein.

„Ich interessiere mich sehr für ,ausfransende’ Stücke“, erläutert der Pianist – für Werke also, die sich an ihren losen Enden mit anderen Kompositionen verknüpfen lassen. Überraschende Kombinationen sind typisch für den Musiker: So stellt er in seiner neuen CD Klavierkonzerte von Beethoven und Viktor Ullmann nebeneinander, in einer künftigen Konzertreihe werden sich Schubert und Janacek begegnen. „Bei beiden ist der Tod ein Dauergast, außerdem ähneln sie sich in ihrer Fähigkeit, Natureindrücke musikalisch wiederzugeben.“

Zu Schuchs Vorbildern gehört neben Wilhelm Kempff vor allem sein Lehrer Alfred Brendel. „Mit Brendels Interpretationen wird man nie ,fertig’, sie klingen lange nach.“ Bereits heute lässt sich über Schuchs Klavierspiel ganz ähnlich urteilen.

3.3., 20 Uhr. Werke von Bach, Liszt, Ravel, Messiaen und Murail

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