Zeitung Heute : Von Ingeborg Bachmann lernen

MEIN KLASSISCHES LEBEN

Christine Lemke-Matwey

Von Christine Lemke-Matwey

Neulich beim Aufräumen, ich stakse wie eine Störchin über die auf 30 Quadratmeter Parkettboden verteilten CD-Stapel hinweg, greife ins Bücherregal, da fällt mir eine antiquarische Kostbarkeit vor die Füße: Der 1959 von K. H. Ruppel herausgegebene, mittlerweile in reichlich speckiges Leinen gefasste Band zur „Musica viva“. Ich fange an zu blättern, Staub wirbelt durch die Luft, die alte Avantgarde, damals, als Kunst und Leben noch halbwegs eins waren, und die Menschen nach Konzerten mit zeitgenössischer Musik lechzten wie heute nur nach den Drei Tenören oder André Rieu… Ach, beneidenswert. Beneidenswert? Ich lese mich bei Ingeborg Bachmann fest, in ihrem hier erstmals veröffentlichten Essay „Musik und Dichtung“, der von der Ohnmacht des Wortes vor dem Klang handelt – und also, letztlich, vom Schweigen, vom Verstummen. „Wovon glänzt dein Wesen, wenn die Musik zu Ende geht, und warum rührst du dich nicht? Was hat dich so gebeugt und was hat dich so erhoben?“ – fragt die Dichterin und bleibt die Antwort schuldig: „Auf deinen Wangen stehen Rosen, aber dein Mund ist weiß geworden, als hätt’ er Dornen zerdrückt.“ Undenkbar, heute so über Musik zu singen.

Beneidenswert allerdings ist es schon, das Schweigendürfen und Verstummenkönnen. Voller Unbehagen denke ich an meine Profession und versuche mich daran zu erinnern, wann es mir zuletzt so ergangen ist, dass ich, überwältigt, nichts hätte sagen können oder wollen über das Erlebte. Früher ja, als die eigene Netzhaut noch zart und das Trommelfell noch weich war, und das Herz alle Tage sperrangelweit offen stand, da passierte es schon, dass ich nach einem einzigen Abend beschloss, alles zu ändern: das ganze Leben und zwar radikal! Wirklich geschehen ist dann meist nicht viel, außer dass ich drei oder vier Tage im Bett lag, die Wand anstarrte und den Weg zurück nicht fand aus der Kunst ins Leben. Tönendes Schweigen als erster Schritt zur Anarchie?

Heute, wie gesagt, ist es selbst damit vorbei. Doch halt, als die Mezzosopranistin Vesselina Kasarova in Salzburg vor ein paar Jahren den Sextus in Mozarts „Titus“ sang und zu ihrer zweiten Arie („Deh, per questo istante sole“) die Bühne stürmte, Gevatterin Tod persönlich, die verschmähte Hand zur Faust geballt, ein erfrierendes Grinsen im Gesicht – da war’s fast wieder so wie früher. Der Abend endete dann fürchterlich, mit viel Wein und vielen Caipirinhas, und der Text kam viel zu spät, und mir war schrecklich übel, und alle waren böse. Nächsten Freitag übrigens gibt Vesselina Kasarova in der Deutschen Oper einen Liederabend. Ich freue mich! Und hoch lebe die Anarchie! Prost.

Die Autorin ist Musikredakteurin des Tagesspiegel.

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