Zeitung Heute : Von Jura wird stark abgeraten

Der Tagesspiegel

von Paul Janositz

„Studiengänge mit Zukunft", mit diesem Motto werben Universitäten, Fachhochschulen oder Berufsakademien ebenso wie private Neugründungen. Das Angebot ist ebenso vielfältig wie verwirrend. Schätzungsweise 9500 verschiedene Studienmöglichkeiten zählt die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) in Deutschland.

Auch die Zahl möglicher Abschlüsse hat zugenommen. Zu Diplom oder Magister haben sich Bachelor und Master gesellt. Diese dem angelsächsischen System entliehenen Grade sollen deutsche Absolventen im internationalen Wettbewerb stärken. Mittlerweile hat fast jede Hochschule neue Master- und Bachelor-Studiengänge eingerichtet, zuerst als Aufbau-, dann als Vollzeitstudium.

Orientierung können die Studienberatungen an den Hochschulen, spezielle Abteilungen des Arbeitsamtes sowie private Agenturen geben. Im Internet sind viele Informationen von Jobvermittlern abrufbar.

Wer seinen Studienwunsch bereits kennt, ist relativ gut dran. Dann gilt es die passende Hochschule zu wählen. Zunächst steht die Grundsatzentscheidung zwischen mehr theoretisch ausgerichteter Universität und praxisorientierter Fachhochschule an. Eine Alternative sind Berufsakademien, die Studium und Berufstätigkeit verbinden. „Wir stellen bevorzugt Absolventen von Berufsakademien ein", sagt Jürgen Blohm, Sprecher der Deutschen Post. Hochkarätige Weiterqualifikation von Absolventen bieten private Hochschulen wie das SIMT (Stuttgart Institute of Management) an – allerdings gegen hohe Studiengebühren.

Schwer fällt die Entscheidung, wenn man seinen Studienwunsch nach den Zukunftsaussichten richten will. Dass sich die Experten meist vor konkreten Empfehlungen drücken, ist verständlich, da die Prognosen selbst die zukünftigen Entwicklungen beeinflussen können. Wird heute auf Grund eines aktuellen Mangels beispielsweise das Ingenieurstudium progagiert, so kann ein einsetzender Run auf diese Ausbildung zu einem Überschuss an Ingenieuren führen.

Aussagen über Trends der Zukunft wagt trotz aller Unsicherheit der Essener Bildungsforscher Michael Weegen. „Beste Chancen" sieht er für Absolventen in den Bereichen Elektrotechnik, Maschinenbau und in den naturwissenschaftlichen Fächern. Ausgenommen ist die Biologie und auch Jura scheint problematisch zu sein. In den „klassischen Bereichen Richter, Staats- und Rechtsanwalt“ würden zukünftig nur 20 Prozent der Absolventen gebraucht. Der Rest, der in Verwaltung oder Wirtschaft strömt, sieht sich in Konkurrenz etwa zu Wirtschaftsjuristen, die an Fachhochschulen ausgebildet werden.

In der momentan sehr gefragten Informationstechnologie erwartet Weegen „langfristig eingeschränkte Aufstiegsmöglichkeiten“. Akademiker hätten allerdings immer noch gute Aussichten ,,beispielweise als Medizin-Informatiker oder Juristen“, die Datenbanken betreuen. Zu starke Spezialisierung in den Studienangeboten, etwa als Informatik-Kaufmann, sieht Weegen als „Irrweg“. Im übrigen sollten sich Studieninteressenten antizyklisch verhalten, sich also an den Perspektiven in etwa acht Jahren orientieren.

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