Zeitung Heute : Von Kanada nach Island: Champagner und Eisbären

Stefan Quante

An Antonio führt kein Weg vorbei. Als Boss der örtlichen Bäckerei, Metzgerei, eines Lebensmittelgeschäfts und Restaurants (alles unter einem Dach) ist er so etwas wie der Pate von Churchill in der kanadischen Provinz Manitoba. Hinter dem portugiesisch-stämmigen Mann prangt ein überdimensionaler Getränke-Kühlschrank. Darin steht so ziemliches alles: vom für Nicht-Nordamerikaner ungenießbaren Root-Beer bis zum erlesenen Dom Pérignon-Champagner Jahrgang 1990. Ob sich in einem 900 Seelen-Nest eine 320 Dollar teure Edelbrause überhaupt verkaufen lässt, möchte ich von Antonio wissen: "Oh, ja. Hier gibt es auch ein paar sehr reiche Leute. Wissen Sie, dies ist ein sehr spezieller Ort."

Das kann man wohl sagen. Draußen sind es zurzeit 37 Grad Minus. Hinzu kommt rund um die Uhr ein Wind, der in jede Ritze zwischen Anorak, Mütze und Gesicht dringt. Mehr als die fünf Minuten zurück zu unserem Hotel, dem Aurora Inn, möchte hier niemand freiwillig draußen verbringen - oder? Unter dem rotierenden Ventilator (!) des kleinen Hotels erfahren wir von Fremdenführer Sheldon, was er alles im Angebot hat: "Ich mache regelmäßig Überlebenstrainings hier in der Taiga. Mit Menschen, die schon alles erlebt haben. Wir bauen Iglus, schlafen darin, machen Schneeschuhwanderungen oder fahren Hundeschlitten." Sieben Stunden braucht ein Profi wie Sheldon für den Bau eines Iglus aus gesägtem festgefrorenen Schnee. Seine Inuit-Bekannten schaffen es in zwei Stunden. Da will er es auch noch hinbringen.

Aber die meisten Touristen kommen im Oktober und November nach Churchill, dem nördlichsten Seehafen und der letzten Station der Eisenbahn Kanadas. Denn der gottverlassene Ort an der meist zugefrorenen Hudson-Bay nennt sich stolz "Eisbär-Hauptstadt der Welt". Dann ist nicht nur das Aurora-Inn bis unters Dach mit Eisbär-Touristen belegt. Aber niemand läuft mehr einfach so zu Antonio rüber, denn auf der Suche nach Futter kommen die riesenhaften Tiere bis mitten in den Ort. Dann weisen gelbe Schilder mit der Aufschrift "Polar Bear Alert" auf die Lebensgefahr hin. Denn ein Wettrennen mit einem ausgewachsenen Eisbären würde auch Carl Lewis verlieren.

Wir sehen keine Bären. Nur einen kapitalen Schneehasen auf unserem Weg zum Flughafen. Dort wartet eine Dash 8-Q400 auf uns, eine 70-sitzige Turbopropmaschine, die jetzt die Flotte des Regional-Carriers Augsburg Airways verstärken soll. Churchill war nur ein notwendiger Zwischenstopp, denn das Flugzeug ist eine Kurzstrecken-Maschine mit einer maximalen Reichweite von 2500 Kilometern. Der Überführungsflug von Toronto, wo sie in den Flugzeugwerken des Herstellers Bombardier gebaut wurde, bis nach Augsburg erfordert also einige Zwischenlandungen.

Auf unserem Weg nach Grönland sehen wir wieder keine weißen Bären, nur Eis und Schnee. Und vereinzelt winzige Nadelbäume, deren Äste in eine Richtung wachsen, nämlich im Windschatten. Mitten in der Eiswüste dann doch noch eine menschliche Ansiedlung, Frobisher Bay. Deutlich erkennbar an seiner schneefreien Landebahn. Flugzeuge sind hier die einzige Verbindung zur Außenwelt. Unser Kerosin reicht noch bis Grönland. In Kangerlussuaq oder Sondre Stromfjord, 60 Kilometer nördlich des Polarkreises, empfängt uns völlige Dunkelheit. Ein Stromausfall lähmt Ankunftshalle und Hotel, beides unter einem Dach. Abfliegen und Einziehen - gleichermaßen unmöglich.

Im Kerzenschein erkennen wir nur schemenhaft wie voll das breite Gebäude über der Landebahn ist. Als das Licht wieder angeht jubeln kleine Kinder rund um uns herum - Inuits, wie Eskimos korrekt heißen. Und jetzt können wir auch das von vielen Fotos bekannte Wegschild sehen: "New York vier Stunden, Paris vier Stunden und 25 Minuten, Moskau fünf Stunden und 20 Minuten, Tokio zehn Stunden und fünf Minuten und Kopenhagen vier Stunden und 15 Minuten." Denn Kangerlussuaq ist eine internationale Drehscheibe für Flüge zwischen Nordamerika und Europa seit die ehemalige US-Airbase 1992 unter dänische Oberhoheit fiel.

Im Sommer tummeln sich hier Naturfreunde, die die einzigartige Flora und Fauna des nur zeitweise grünen Landes hautnah erleben wollen. Vor allem die mächtigen Moschus-Ochsen üben eine magische Anziehungskraft aus. Aber auch der Winter beschert Naturgenüsse, wie sie nur der Polarkreis bieten kann. Auf der kurzen Fahrt zur einzigen Bar des Ortes sehen wir vor und über uns ein Naturschauspiel der Extraklasse: Ein riesiges Nordlicht wabert und funkelt von einer Seite des Fjords zur anderen. Nach kurzer Zeit verflüchtigt sich der grüne Schimmer wieder. Genügend Gesprächsstoff bis zur Sperrstunde in der (wie passend) Northlight-Bar. Für Co-Pilotin Andrea Thon ist dies der erste Überführungsflug ihrer noch kurzen Laufbahn. Die erfolgreiche Architektin hatte Job und Firma hingeschmissen, seit sie sich vor drei Jahren von der Flugbegeisterung ihres Mannes, eines Weinhändlers, infizieren ließ.

Der verkauft heute noch Wein in Burg Layen und fliegt allenfalls am Wochenende mal eine kleine Cessna und schaut neidisch-bewundernd seiner professionell fliegenden Frau hinterher. "Für mich ist das Abenteuer pur, denn so ein Überführungsflug ist natürlich eine viel größere Herausforderung als nur in der Ölspur anderer Flugzeuge zu fliegen." In drei Tagen wird sie wieder die Strecke München-Paderborn-München fliegen. Die ersten beiden Starts und Landungen hatte sie bravourös absolviert. Jetzt fliegt Kapitän Adolf Herzner, ein alter Hase, der schon rund 50 Flugzeuge übergeführt hat. Die Werte, die er und seine Co-Pilotin jetzt erfliegen, werden der Maßstab für alle künftigen Flüge sein. Denn den Werksangaben, etwa über die am meisten Sprit sparenden Parameter, sei nur bedingt zu trauen. Meist könne man mehr aus den Maschinen herausholen als ihre Erbauer wüssten.

Wir fliegen über die eisigen Berge Grönlands, treibendes Packeis und später dann freies Wasser. Reijkavik ist unser nächstes Ziel. Die wohl teuerste und vielleicht am schnellsten wachsende Stadt Europas. Es wimmelt von Restaurants, exquisiten Geschäften und Bars. Vor der letzten Etappe nach Augsburg tanken wir noch ein wenig Wärme, dümpeln in der "Blauen Lagune" bei Reijkjavik im Mineralwasser und träumen von unseren Erlebnissen.

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