Zeitung Heute : Von Kleidern und Verkleidungen

Was trägt eine Kunstsammlerin? UdK-Studenten entwerfen Filmkostüme

Letzte Handgriffe am Kostüm. Lea Reusse (rechts) verwandelt ihre Kommilitonin Julia Denzel in eine toughe Kunstsammlerin. Foto: Johannes Bock
Letzte Handgriffe am Kostüm. Lea Reusse (rechts) verwandelt ihre Kommilitonin Julia Denzel in eine toughe Kunstsammlerin....

Prostituierte haben Dresscodes. Am Hackeschen Markt trägt frau Lack, Leder und hohe schwarze Stiefel, an der Kurfürstenstraße wird ein eher lockerer Stil mit roten Pumps oder kurzem Jeansröckchen bevorzugt. Anna Hostert, Kostümbild-Studentin im fünften Semester an der Universität der Künste Berlin, hat ihre Kostüme nach diesen Vorbildern zusammengestellt. Passend dazu eine schwarze Langhaar-Perücke und künstliche Wimpern. Ein Abbild der Realität, das Klischee als Einstieg zu Varianten, Differenzierungen und zu stilisierten Filmfiguren.

Annas Korsagen hängen zwischen weißen Nachthemden, dunklen Blazern und Ringelshirts. Ein Kleiderständer voller Figuren. Die neun Kostümbild-Studentinnen wuseln durch das Atelier in der Lietzenburger Straße, zwischen Stofffetzen, fertigen und halbfertigen Kleidungsstücken. Sie probieren die verschiedensten Perücken aus: von blonder Lockenpracht bis hin zur braun gescheckten Vokuhila-Frisur. Am Ende wandeln Prostituierte, Schneeprinzessin und Brigitte Bardot durch den Raum. Auch eine toughe Kunstsammlerin ist dabei. Lea Reusse, drittes Studienjahr, hat diese Figur in einer Vorstufe zum Entwurf skizziert. Sie trägt einen dunkelblauen Stiftrock und ein gestreiftes Oberteil; dazu als Farbtupfer einen giftgrünen Hut, der seitlich an der Langbob-Perücke ihrer Kommilitonin Julia Denzel anliegt. Inspiriert hat die Kostümbild-Studentin das Publikum, das in Galerien und bei Auktionen verkehrt.

An zwei Tagen lassen die Studentinnen ihre Kommilitonen und Freunde in verschiedene Rollen schlüpfen und stellen ihre Versuche vor, die am Ende einer aufwändigen Recherchearbeit als Vorarbeit zum Entwurf stehen. In welchem Milieu verkehren Prostituierte, welche Stoffe trägt eine Kunstsammlerin? Aus diesen Fragen entwickelt sich dann das Konzept einer Recherche-Figur, die mit Hilfe von Formen und Farben zum Leben erweckt werden kann.

Die Recherchearbeit ist Teil der Lehre des Fachgebietes „Filmkostüm“, das seit diesem Sommersemester neu mit einer Professur im Studiengang Kostümbild fest etabliert ist. Für die Leitung konnte Lisa Meier, international renommierte Kostümbildnerin für Film und Fernsehen, gewonnen werden. Dass dem Filmkostüm nun eine bedeutende Rolle in der UdK – als einer der wenigen Universitäten – beigemessen wird, freut sie sehr, denn „zum heutigen Berufsbild des Kostümbildners gehört eine gewisse Filmkompetenz einfach dazu“.

Das Kostüm auf der Theaterbühne oder im Film – was unterscheidet sie, wo ähneln sie einander? Die beiden Medien arbeiten unterschiedlich mit Zeit und Raum. Zudem wird im Film oft nur ein Ausschnitt einer Figur respektive eines Kostüms gezeigt, dafür in vielfacher Vergrößerung. Ebenso soll ein Kostüm in verschiedenen Einstellungsgrößen funktionieren. Auf der Bühne steht es dreidimensional, im Film erscheint es nur in zwei Dimensionen. Hinzu kommt, dass ein Film keine Live-Aufführung ist. Er wird geschnitten und nachbearbeitet. Die Studierenden setzen sich mit Wirkungsweisen von Materialien, Formen, Farben und Figuren auseinander und werden in Kostümkunde und Filmtheorie unterrichtet. Am Ende entsteht ein Abschlussprojekt in Zusammenarbeit mit Studierenden der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). Kostümbild-Studenten der UdK treffen mit Studierenden der dffb zusammen und statten je einen zehn- bis zwanzigminütigen Kurzfilm mit dem Kostümbild aus.

Die Studierenden gehen gemeinsam das Drehbuch durch, inspirieren sich gegenseitig. „Wir lernen neue Prozesse kennen, sehen, wie andere junge Menschen arbeiten, entwickeln gemeinsam Ideen und setzen sie um. Teamarbeit ist das Wichtigste“, findet die Studentin Thekla Onken, die bereits bei verschiedenen Werbe- und Kurzfilmen assistierte.

Lisa Meier ist überzeugt von diesen Projekten, in denen Ideen auf die Realität treffen: „Sie sind da, um die Komplexität des Mediums zu erfahren, die künstlerischen Ideen umzusetzen, eigene Arbeitsstrategien zu entwickeln und sich bereits während des Studiums zu vernetzen.“ Grenzen sollen ausgelotet werden und dabei treffen manchmal auch unterschiedliche Positionen aufeinander.

Während der Dreharbeiten müssen die Kostümbildner oft auch in andere Rollen schlüpfen oder auch mal einen Knopf annähen. Ihre eigentliche Funktion ist jedoch die künstlerische Arbeit die das Gesamtkunstwerk wesentlich mitprägt. „Das Bild, das entsteht und festgehalten wird, ist nachher für immer da“, sagt Lisa Meier. „Es passieren beim Film viele Dinge, die unvorhersehbar sind, auch wenn man meint, man hätte alles durchdacht.“ Mit einem fundierten Konzept können Kostümbildner auf neue Situationen spontan und spielerisch reagieren.

Kleider und Verkleidungen, Kostüme und Uniformen wie die der Prostituierten und Kunstsammlerin – die zukünftigen Kostümbildner entwickeln Konzepte, entwerfen, schneidern und gestalten vielerlei Figuren und erzählen so deren ganz eigene Geschichte mit visuellen Mitteln. Kostümbildner tragen in Film und Theater entscheidend dazu bei, Handlungsabläufe in lebendige und bildstarke Erzählung zu verwandeln.

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