Zeitung Heute : Von kleinen Helfern und Kettenhemden

Sabrina Dehoff und Julia Menthel sind Modedesignerinnen. Jetzt entwerfen sie Schmuck – mit unterschiedlichem Ergebnis

Grit Thönnissen

Sabrina Dehoffs Objekte sind klein, oft nicht größer als ein Daumennagel. Dennoch können sie eine Menge über ihre Träger verraten. Die Designerin fertigt Anhänger für Gold- und Silberketten. Alle sind sie aus weichem Handschuhleder mit winzigen Nadelstichen zusammengenäht und mit Watte gepolstert. Unter 14 Motiven kann man wählen. Da sind zum Beispiel eine Pistole mit Abzug, eine Maske mit Hasenohren, eine Gitarre und ein weißes Gespenst.

Es ist die erste eigene Schmuckkollektion von Sabrina Dehoff. Im Moment fertigt sie die Stücke an ihrem Wohnzimmertisch hoch oben in der Torstraße, mit Blick auf das Gewusel des Rosenthaler Platzes. Dabei sieht sie sich nicht in erster Linie als Schmuckdesignerin. „Ich fühle mich der Mode verbunden. Deshalb verkaufe ich meine Sachen in Designshops und nicht in Schmuckläden.“

Sabrina Dehoff ist gelernte Modedesignerin mit internationaler Erfahrung und keineswegs neu im Geschäft. Bis vor einem Dreivierteljahr war sie ein Drittel von „VonRot“, einer Designagentur mit Sitz in Berlin, die für Modefirmen wie Moschino, und Chloé Kleidung entwarf, Modenschauen und Projekte organisierte. Jetzt lebt von den drei Mitgliedern von „VonRot“ nur noch Sabrina Dehoff in Berlin. Peter Seebacher unterrichtet an der Hamburger Fachhochschule und Karsten Fielitz arbeitet in Mailand für Moschino.

Mit ihrer Kollektion „Little Helpers“, die sie im vergangenen November vorstellte, hat die Mutter eines dreijährigen Sohnes zum ersten Mal etwas ganz ohne den Druck des Konsens eines Designerkollektivs gemacht. „Das bin wirklich nur ich“, sagt sie. Oft sitzt sie bis nach Mitternacht in ihrem Wohnzimmer und näht Pistolen und Herzen zusammen, um sie dann nach Helsinki, Genf, Paris und Tokio zu schicken. Überall dort werden ihre „kleinen Helfer“ verkauft.

Jetzt plant sie ihre zweite Kollektion „Little Dreamers“, die sie im Sommer auf der Berliner Modemesse Premium und in Paris vorstellen will. Die soll neben Ketten auch Ohrringe, Armbänder sowie Taschen und Gürtel umfassen. Sabrina Dehoff ist Profi genug, um zu wissen, wie kontrolliertes Wachstum funktioniert. „Mit den Anhängern hatte ich die Möglichkeit, ohne ein riesiges Budget Erfahrungen zu sammeln. Hätte ich Kleidung entworfen, wäre das ein Risiko gewesen.“ Inzwischen stehen die Chancen nicht schlecht, dass es neben den kleinen Dingen irgendwann auch Mode von Sabrina Dehoff geben wird.

Bis dahin kann man sich noch ausgiebig darüber Gedanken machen, für welches ihrer Objekte man sich entscheiden möchte: Immer wieder ist sie erstaunt, wenn Freunde und Bekannte ihre „Little Helpers“ tragen. „Die Motivwahl sagt durchaus etwas darüber aus, wie sich jemand sieht.“ Was es allerdings zu bedeuten hat, wenn jemand die Hasenmaske trägt, überlässt sie lieber der Fantasie des Betrachters.

Auch Julia Menthel hat einen großen Wohnzimmertisch, auf dem sich vorzüglich arbeiten lässt. Und auch die gebürtige Berlinerin mag die kleine Form: Im vergangenen Herbst hat sie ihre erste eigene Schmuckkollektion entworfen. Und wenn Sabrina Dehoff und Julia Menthel teilweise sogar in den gleichen Läden verkaufen – wirklich Konkurrenz machen sie sich nicht. Dafür sind die Ansätze zu verschieden: Bei Julia Menthel stehen die außergewöhnlichen Materialen, die sie zu Armreifen, Halsbändern und Haarschmuck verarbeitet, im Mittelpunkt. Ihr im Moment wohl wichtigstes Material besteht aus vielen kleinen zusammengesetzten Stahlringen. Es erinnert an das Material, aus dem mittelalterliche Kettenhemden, Schlachterschürzen und Haifischhandschuhe hergestellt wurden. „Mesh“ nennt Julia Menthel das durchscheinende Gewirk, wie sie überhaupt viele Fachbegriffe in Englisch parat hat.

Das könnte daran liegen, dass sie in New York studierte und dort einige Jahre arbeitete, bevor sie 2002 nach Berlin zurückkehrte, um hier Bikinis unter dem Label „Juby Berlin“ zu entwerfen. Gerade hat sie „Juby Berlin“ eine kleine Pause verordnet und widmet sich nun dem Zusammenfügen von Federn, alten Swarowskikristallen, gehäkelten Bändern und dem beschriebenen Kettengeflecht.

Wenn Julia Menthel Fragiles und Weiches mit Hartem und Stabilem verbindet, nennt sie das „etwas passend machen“. Und wirklich wirkt der Schmuck nicht durch den Bruch, sondern durch eine wie neue erfundene Harmonie. Wie beim „Schlüsselbund“ – der Anhänger heißt so, weil Julia Menthel viele verschiedene Schlüssel, die sie auf dem Flohmarkt fand, versilbern ließ und zu einem Bund zusammenfügte, das man sich mit einem Seidenband um den Hals hängen kann.

Auch wenn sie jetzt in Berlin lebt, auf New York als inspirierenden Arbeitsort will sie nicht verzichten. So fuhr die Designerin im vergangenen Jahr erst einmal dort hin, um nach Materialien zu suchen. Die Federn fand sie in einem Großhandel im 23. Stock eines Lagerhauses: „Dort stapelten sich die Kisten bis unter die Decke, ein unglaubliches Chaos! Und als ich wieder herauskam, sah ich aus wie geteert und gefedert.“

Als Julia Menthel in New York Rohmaterial sammelte, hatte sie immer auch die Entwürfe des Modedesigners Kostas Murkudis vor Augen. „Ohne Kostas hätte ich wahrscheinlich gar nicht angefangen“: Der sah im Berliner Laden seines Bruders Andreas einige Musterstücke von ihr und bat sie, zu seiner Damenkollektion Schmuck zu entwerfen. Also zeigte Kostas Murkudis, was er gerade entwarf, und mit diesen Bildern im Kopf machte sich Julia Menthel an die Arbeit.

Im Sommer wird es eine zweite Kollektion geben. Deshalb fährt Julia Menthel bald wieder nach New York, um sich auf die Suche nach neuen außergewöhnlichen Materialen zu machen.

Sabrina Dehoff bei Apartment, Memhardstr. 8; Julia Menthel bei Andreas Murkudis, Münzstr. 21; beide Kollektionen im Quartier 206, Friedrichstr. 71 (alles Mitte).

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