Zeitung Heute : Von Kopf bis Kissen in Armani

Viele Modedesigner entwerfen auch Möbel und Wohnaccessoires. Trotzdem sollte man beim Einrichten eigene Akzente setzen

Gian-Philip Andreas
Leuchtende Farben und Streifenmuster. Die „Home“-Kollektion von H & M passt mit ihren Gardinen, Kissen und Decken zu den aktuellen Herbst-Klamotten des Labels. Foto: H&M Home/dpa/tmn
Leuchtende Farben und Streifenmuster. Die „Home“-Kollektion von H & M passt mit ihren Gardinen, Kissen und Decken zu den aktuellen...Foto: dpa-tmn

Die einen nutzen die Strahlkraft ihrer Marke, um neues Terrain zu erobern. Die anderen ziehen ihren Wohnräumen das an, was sie selbst gern tragen: Wenn Modedesigner Möbel auf den Markt bringen, profitieren Händler und Verbraucher. Wolfgang Joop etwa entwarf für die Neuen Wiener Werkstätten jüngst eine Möbelkollektion mit Hochlehner, Bett und Paravent. Und für Galeria Kaufhof reicht er von Oktober an ein Porzellanservice, Bettwäsche im japanischen Stil und Handtücher nach. Auch der Kleidungshersteller Esprit hat sein Sortiment auf Möbel und Wohnaccessoires ausgeweitet: Die Streifenoptik der Herbstdecken und Winterbettwäschen von „Esprit Home“ lässt an Verkehrsnetze oder Testbilder denken – und natürlich ist sie an die Mode angelehnt, die das Unternehmen im Kerngeschäft anbietet.

„Marketing ist ja nichts Schlimmes“, sagt Gerd Müller-Thomkins, Geschäftsführer des Deutschen Mode-Instituts (DMI) in Köln. Er findet es selbstverständlich, dass Hersteller die Reichweite ihrer Marken ausreizen wollen. „Mode ist ebenso Lifestyle wie Inneneinrichtung, und wenn eine ganze Palette von Lifestyles bedient werden kann, ist das natürlich ideal.“ Und so findet man auch in den Läden der Modekette H & M Wohnaccessoires wie Gardinen, Kissen und Decken, deren Streifen-, Blumen- oder Blättermuster zu den aktuellen Modekollektionen passen.

Vom Duschvorhang bis zum Retro-Wäschesack bleibt kaum etwas außen vor. „Wenn man die Kunden bereits zum Kleiderkauf im Laden hat, wird man auch versuchen, ihnen andere Dinge zu verkaufen“, sagt Peggy Kastl, Innenarchitektin in Rostock im Bund Deutscher Innenarchitekten (BDIA). Die Zahl der Labels, die für dieses Zweitgeschäft infrage kämen, sei aber beschränkt, meint Müller- Thomkins. Speziell der deutsche Markt hinke hinterher, und nur wenige besäßen ein so klares Profil, dass sie einen Stil glaubwürdig und authentisch vertreten könnten. „Die Fashionmarke muss sich in diesem Lifestyle spiegeln, nur dann lässt sich ihre DNA auch auf den Möbelbereich übertragen.“

Ein Blick in die aktuellen Kollektionen der großen Designer aus Italien, Frankreich oder den USA zeigt, wie abgestimmt ihre Mode- und Einrichtungslinien aufeinander sind: Die strenge Geometrie von Armanis schwarzem Overall mit V-Ausschnitt korrespondiert mit den harten Faltenkanten eines Paravents, Versaces neuer retro-futuristischer Leder- Ohrensessel mit einer Chiffonbluse und Plateaupumps. Etro bringt einen funkelnden Seidenrock mit einem floral bedruckten Hocker zusammen. Und Hermès hat Möbel und Kleidung aus Leder in den gleichen warmen Brauntönen im Programm. Ralph Lauren, Pionier der möbelmachenden Modedesigner, setzt sich dagegen mit uramerikanischen Themen auseinander: Er kreierte eine schick angefetzte Flickenjeans zum Baumwollhemd. Passend dazu gibt es Kuhfellteppich und Fledermausstuhl aus Leder und Leinen, die an Cowboy-Pferdesättel und Rinderfarmen denken lassen.

In Deutschland ist Wolfgang Joop einer der wenigen Modemacher, die zwischen den Metiers wechseln. Seine Wiener Möbellinie platziert sich zwischen moderner Schlichtheit und dezent ornamentalem Neo-Biedermeier. Beim Entwurf bezog sich Joop auf die Form einer Muschel, was sich in keck geschwungenen Kopfteilen von Bett und Hochlehnern niederschlägt. Dass ein Modedesigner auch Möbel machen kann, wundert Innenarchitektin Peggy Kastl nicht: „Ein guter Gestalter ist oft eine Art Universaldesigner.“ Außerdem könne der Input aus einem anderen Bereich eine ganz neue Perspektive eröffnen.

Davon profitieren auch die Möbelhersteller, sagt Ursula Geismann vom Verband der Deutschen Möbelindustrie (VDM) in Bad Honnef bei Bonn. „Die deutsche Möbelindustrie verfügt nicht über so große Markennamen wie die Auto- oder Modebranche. Da ist es natürlich ein Wettbewerbsvorteil, Lizenzpartnerschaften mit Modefirmen einzugehen und deren Bekanntheit zu nutzen.“ Wer aber kauft am Ende den Versace-Sessel und das Joop-Bett? Nur solvente Kenner, die ihre Identität über die jeweilige Marke definieren und sich einmal quer durch das Sortiment kaufen? „An diesen stilistischen Autismus glaube ich nicht“, sagt Trendexperte Müller-Thomkins. „Natürlich funktioniert ein Marken-Möbel auch wie eine Beruhigungspille über Namedropping, aber am Ende wird das Stück doch um seiner selbst willen gekauft.“

Auch Peggy Kastl hält nichts davon, den Designer zum Guru aller Lifestylebranchen zu erheben. „Trotzdem gibt es Kunden, die nicht mehr in der Lage sind, einen eigenen Stil zu setzen und sich ganz der Gedankenwelt eines Designers unterwerfen“, sagt die Innenarchitektin. Sie rät vielmehr, auf Qualität und Materialien zu achten – schließlich müssten Möbelstücke anders als Klamotten mehr als eine Saison überstehen. Zumindest dann, wenn der Kunde sich nach dem Kauf beim Universaldesigner seines Vertrauens nicht im Blümchenhemd der Saison auf einen Sessel der aktuellen Kollektion mit dem gleichen Muster setzen will. (dpa)

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