Zeitung Heute : Von Lilienthal lernen

Die TU präsentiert sich in der Ausstellung zu 300 Jahren Wissenschaft in Berlin

Hans Christian Förster
Überflieger. Der Berliner Picosatellit „Beesat“ wiegt nur ein Kilogramm. Foto: TUB/Dahl
Überflieger. Der Berliner Picosatellit „Beesat“ wiegt nur ein Kilogramm. Foto: TUB/Dahl

Am Anfang war eine Idee: Theoria cum praxi. Wissenschaft soll der Wahrheit und der Verbesserung der menschlichen Lebenspraxis dienen. Vor 300 Jahren empfahl Gottfried Wilhelm Leibniz, Gründungsvater der Berliner Akademie, die menschliche Intelligenz als Produktivkraft für ein prosperierendes Gemeinwesen zu nutzen. Vor 200 Jahren schlug Wilhelm von Humboldt dem preußischen König die Gründung einer neuartigen Universität vor. Durch die Einheit von Lehre und Forschung sollte jener Motor wissenschaftlicher Innovationskraft geschaffen werden, von dem der König hoffte, dass durch geistige Kräfte ersetzt werde, was man an physischen verloren hat. All das findet sich in der Ausstellung „Weltwissen. 300 Jahre Wissenschaft in Berlin“ im Martin-Gropius-Bau.

Im Wissenschaftsjahr 2010 präsentiert sie in einem alle Sinne ansprechenden Design die Kulturgeschichte der Wissenschaft und ihrer Institutionen in Berlin von den Anfängen bis zur Gegenwart. Neben der Chronologie vermittelt sie einen Blick auf die Metamorphosen der wissenschaftlichen Methoden vom Sammeln, Systematisieren, Vermessen, Konstruieren, Experimentieren und Interpretieren.

Zu den traditionsreichen Wissensinstitutionen gehört die TU Berlin. Ihre Vorgängereinrichtung, die Technische Hochschule (TH), ging 1879 aus der Vereinigung von Bauakademie (1799) und Gewerbeinstitut (1821 gegründet) hervor. Die Bauakademie öffnete sich für neue Materialien wie Eisen und moderne ingenieurtechnische Verfahren wie den Hängebrückenbau.

Durch die Etablierung der TH wurde die Verwissenschaftlichung forciert. Dabei erwarb sich Franz Reuleaux Verdienste um die mathematische Durchdringung des Maschinenbaus.

Das Werk Otto Lilienthals, eines Reuleaux-Schülers, beweist exemplarisch, dass die Erfolge des Flugpioniers das Resultat einer akribischen Arbeit aus Naturbeobachtung, Versuchsserien und deren Dokumentation waren. Jede seiner Innovationen entstand aus dem Wechselspiel von Studium der Gesetze des Fliegens einerseits und der praktischen Erprobung der Flugapparate andererseits. Diese Leistungen erzielte Lilienthal in einer „Nebenstundenbeschäftigung“. Sein Geld verdiente er als Unternehmer und Konstrukteur von Kleindampfmaschinen. Außerdem engagierte er sich sozial und kulturell und fand noch Zeit fürs Theater. Heute kann Otto Lilienthal als Vorläufer der modernen Bionik gelten.

Um 1900 gelang es Forschern der TH elektrotechnische Entdeckungen in praxistauglichen Spitzentechnologien zu verwandeln. Adolf Slaby und Georg Graf von Arco schufen die theoretisch-praktischen Grundlagen der drahtlosen Telegrafie und ermöglichten so eine weltweite Kommunikation unter anderem über die Großfunkstation Nauen. Diese Entwicklung mündete in den 1920er Jahren in die neue Medienrevolution von Funk und Fernsehen. In den späten 1920er-Jahren etablierten sich neue Fachrichtungen: die Fabrikwissenschaft Georg Schlesingers und die Psychotechnik Walther Moedes.

Die TH war zudem ein Ort des „Neuen Bauens“. Hier wirkten Bruno Taut und Hans Poelzig, deren Vorstellung von einer architektonischen Moderne in der Wiederaufbauphase nach 1945 Hans Scharoun und seine Entwürfe von Philharmonie und Staatsbibliothek prägten.

Auch beim Schritt ins 21. Jahrhundert setzen die TU-Forscher auf Modernität. So sind heute beispielsweise Kleinsatelliten ein wichtiges Forschungsgebiet. Seit einem Jahr kreist messend und beobachtend „Beesat-1“, ein nur ein Kilogramm schwerer Picosatellit, um die Erde.

Um 1930 schuf Ernst Ruska (Nobelpreisträger 1986) die Grundlage für Elektronenmikroskope. Heute ist Elektronenmikroskopie die wichtigste Methode für Strukturanalysen in Lebens- und Materialwissenschaften. 2010 eröffnete die TU Berlin ihr neues Hochleistungslabor auf diesem Gebiet.

Außerdem war und ist die TU Berlin eines der wichtigsten Zentren von Mathematik und Informatik. In „digitalen Labors“ simulieren inzwischen TU-Mathematiker mit leistungsstarken Computern komplexe Phänomene aus unterschiedlichen Wissenschaften.

Viel Interessantes über die Entwicklung der TU Berlin ist also in der Ausstellung zu entdecken. Selbst Dutschkes Lederjacke ist als Reminiszenz an die Studentenbewegung im Jahr 1968 zu bestaunen. Ob er sie allerdings damals bei Meetings im Audimax der TU Berlin trug, bleibt offen. Hans Christian Förster

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