Zeitung Heute : Von Mäusen und Mädchen

Den Verhandlungssaal hatte er schon am Vortag inspiziert. Bei seinem Starauftritt vor Gericht wollte Boris Becker nichts dem Zufall überlassen. Dann spielte er die perfekte Rolle des leicht reuigen, aber auch leicht trotzigen Sünders: Früher habe er eben andere Sachen als Steuern im Kopf gehabt.

Jörg Schallenberg[München]

Von Jörg Schallenberg,

München

Es ist, als hätten alle den Atem angehalten. Minutenlang herrscht Stille im großen Gerichtssaal. Nur das Klicken der Fotoapparate kann man hören. Niemand spricht ein Wort, niemand von den eben noch so geschwätzigen knapp 100 Journalisten, Kameraleuten und Fotografen. Oben auf der Galerie, wo die Zuschauer sitzen, fällt auch kein Wort. Alle starren nur auf ihn. Er hat soeben den Gerichtssaal A101 des Landgerichts München I betreten, nicht durch die Hintertür, wie es „Bild“ angekündigt hatte, sondern ganz normal von vorn, weshalb für einen Moment Verwirrung bei den Fotografen herrschte.

Jetzt steht er da, in der Mitte des Saales, und macht keine Anstalten, zu seinem Platz zu gehen. Er dreht und wendet sich, ohne eine Miene zu verziehen. Im perfekt sitzenden grauen Anzug, einen Kopf größer als alle anderen und mit aufgestrubbelten, hellblonden Haaren strahlt er wie ein Leuchtturm über die Wogen hinweg, die ihn umspülen. Seit seinem ersten Wimbledonsieg vor 17 Jahren ist er es gewohnt, dass alle Welt um ihn herumspringt, um ihn, den laut Umfragen berühmtesten Deutschen der Gegenwart. Nachdem die Justizbeamten dann mit barschen Zurufen („Naus, sog i, kruzifix, gehn’S weg hier!“) und handgreiflichem Einsatz die Fotografen hinausgedrängt haben, nimmt er zwischen seinen Verteidigern Platz, lächelt noch einmal ins Publikum und lehnt sich dann entspannt zurück.

Einzug des Triumphators

Wenn es je einen gelungenen Auftritt eines Angeklagten vor Gericht gab, dann den von Boris Becker gestern in München. Wer sich gewundert hatte, warum der Tennisstar und seine Anwälte den Sitzungssaal unbedingt einen Tag vor dem Verhandlungsbeginn im Steuerverfahren inspizieren wollten, der wusste jetzt, warum. Der Einzug von Becker war der Beginn einer Inszenierung, die weniger die Richterin als die Medien beeindrucken sollte.

Dabei galt dieser Prozess vorher als Tiefpunkt im Leben des Boris Becker, der nach seiner rauschenden Karriere als Tennisprofi kein Bein mehr auf den Boden zu bekommen schien. Seine Agentur „Boris Becker Marketing“, die Sportstars vermarkten sollte, wurde schnell wieder aufgelöst. Mit dem deutschen Profi-Nachwuchs wie Thomas Haas und Nicolas Kiefer, den er eigentlich an sich binden wollte, überwarf er sich, als Kapitän des Daviscup-Teams wollte man ihn auch nicht so recht haben. Das Online-Portal „Sportgate“ und der Biokost-Versand „New Food“, an denen er beteiligt war, sind pleite. Seine Mercedes-Autohäuser in Mecklenburg-Vorpommern sollen möglicherweise verkauft werden, und auch privat lief alles schief: Die Scheidung von seiner Frau Barbara plus Unterhalt für die beiden Söhne und die uneheliche Tochter aus der Londoner Wäschekammer-Affäre kosteten Becker noch einmal an die 20 Millionen Euro.

Dann kam die Sache mit den Steuern. Die Ermittlungen liefen bereits seit 1996. Da durchsuchte die Steuerfahndung Beckers Münchner Villa. Im Sommer dieses Jahres wurde Anklage erhoben. Statt der ursprünglichen 5,3 Millionen Euro – für die Becker nicht um eine Gefängnisstrafe herumgekommen wäre – bezifferte Staatsanwalt Matthias Musiol die angeblich hinterzogenen Steuern in seiner Anklageschrift gestern allerdings nur noch auf 1,7 Millionen Euro für die Jahre 1991 und 1992. Dafür kann man mit etwas Pech immer noch hinter Gitter wandern. „Beckers härtestes Match“, war deshalb in Zeitungen zu lesen. Für Becker nicht unbedingt ein Nachteil, denn gerade die härtesten Matches hat er früher schon oft gedreht und doch noch für sich entschieden.

Im Kern geht es in diesem Spiel darum, ob Becker zwischen 1991 und 1993 in Deutschland statt in Monaco steuerpflichtig gewesen wäre. Die Anklage wirft ihm vor, eine Wohnung in München, die seine Eltern angemietet hatten und in der seine Schwester wohnte, als Lebensmittelpunkt genutzt zu haben. Eine Einigung hatten Gericht und Anwälte vorab nicht erzielen können, deshalb erwartete man jetzt mit Spannung eine Erklärung von Becker. Tatsächlich las er nach den ersten Befragungen zur Person ein vorbereitetes Schriftstück vor. Dabei handelte es sich aber nicht um ein Geständnis, sondern eher um eine Art Presseerklärung.

Becker wies zunächst nachdrücklich darauf hin, dass man ihn doch bitte nicht mit Steuertricksern vom Typ Peter Graf verwechseln solle: „Ich habe nichts verschwiegen, ich habe nie Schwarzgeld angenommen, ich habe keine kriminellen Handlungen begangen.“ Nachdem Becker also etwas klargestellt hatte, wovon in der Anklage überhaupt keine Rede war, gab er dann doch eine gewisse Schuld zu: „Das Zimmer, in dem ich in München ab und zu übernachtet habe, hatte keinen Kühlschrank, keinen Schrank, das war keine Wohnung, wie ich das verstehe. Ich wusste aber, dass man das steuerlich so sehen konnte, doch diese Warnungen habe ich in den Wind geschlagen. Dafür muss ich jetzt büßen, das ist mir bewusst.“

Klang das schon melodramatisch, so vergaß Becker auch nicht zu erwähnen, wie sehr er unter den Ermittlungen gelitten habe: „Seit Beginn dieses Verfahrens, das mich sehr belastet hat, habe ich kein Turnier mehr gewonnen und schließlich meine Karriere beendet.“ Ende der Erklärung – und tatsächlich brandet Beifall unter den Zuschauern auf, so dass die sehr gelassen agierende Richterin Huberta Knöringer doch einmal an diesem Tage einschreiten muss: „Na, na, ich bitte Sie, das ist ein Gerichtssaal hier.“

Natürlich ist es auch eine Theaterbühne. Allerdings wird kein großes Drama gegeben. Die Vorwürfe sind klar, ernsthaft bestreiten will sie niemand. Nun geht es vor allem darum, mit wie viel Vorsatz Boris Becker Steuern hinterzogen hat und wie weit er tatsächlich in seinen Steuerangelegenheiten Bescheid gewusst hat, die seine Eltern und Berater für ihn regelten, während er von einem Turnier zum nächsten jettete – „45 Wochen im Jahr“, wie Becker sagt. Seine Verteidiger Jörg Weigell und Klaus Volk liefern sich ein zähes Ringen um Formulierungen mit Staatsanwalt Musiol. Aber eigenlich hat Becker ja längst eingeräumt, dass er sich nicht auf Unwissenheit herausreden will, ansonsten mag er die Vorwürfe des Staatsanwaltes weder bestreiten noch bestätigen: „Ich kann Ihnen heute nicht mehr sagen, wo ich an welchem Tag vor zehn Jahren war.“ Und was die Steuern betrifft: „Ich habe mich damals nur für Tennis interessiert – und ab und zu für ein Mädchen.“

Nächtliche Eskapaden

Becker lächelt in den Zuschauerraum. Ein Punkt für ihn, und die Journalisten haben etwas zu schreiben. Darum geht es hier: in den Medien gut rüberkommen. Was nicht nur für Becker gilt, denn auch Staatsanwalt Musiol nutzt die Mittagspause für ausdauernde Interviews. Doch der Star ist und bleibt Boris Becker. Er kann es sich leisten, während der Verhandlungen einer gut aussehenden Reporterin nachzuschauen, wenn sie hinausgeht und wieder hereinkommt, und eigentlich würde es keinen wundern, wenn er ihr am Ende des Tages seine Telefonnummer in die Hand drückt. Mitunter unterläuft ihm auch ein Leichtsinnsfehler, wenn er Aufstellungen seiner Mutter über seine Aufenthalte in München kommentiert, „dass eine Mutter auch nicht alles weiß. Wenn ich mal ausgebüchst bin und die Nacht bei meiner Freundin, bei Barbara geschlafen habe, hat die Mutter das nicht gewusst.“ Da blicken die Verteidiger betreten zu Boden, und die Richterin merkt süffisant an, dass „das ja eher dafür spricht, dass Sie noch öfter hier in München bei Ihrer Freundin waren als angenommen“.

Zur Sache trägt aber auch das wenig bei, und Becker stört es wenig. Schließlich haben ihn die Deutschen gerade wegen seiner Fehler und Schwächen ins Herz geschlossen, und wenn er jetzt den reuigen, leicht trotzigen Sünder gibt, dann passt das sehr gut in dieses Bild. Zumal die Verteidiger am Nachmittag mit der entlastenden Nachricht überraschen, ihr Mandant habe inzwischen rund drei Millionen Euro zur Begleichung seiner Steuerschulden zwischen 1991 und ’95 gezahlt. Das trägt denn auch zur erheblichen Beschleunigung des ursprünglich auf drei Tage angesetzten Verfahrens bei. Schon am späten Nachmittag sind die Plädoyers dran, wobei die Anklage pflichtschuldig dreieinhalb Jahre und die Verteidigung eine Bewährungsstrafe fordern. Am heutigen Vormittag wird das Urteil gesprochen. Freunde des Theaters werden diese Eile bedauerlich finden.

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