Zeitung Heute : Von Medellin nach Berlin

Bei der WM 1994 in den USA schoss Kolumbiens Nationalspieler Andrés Escobar ein Eigentor. Kurz darauf wurde er umgebracht. Eine Tat, die Jugendliche gegen Gewalt und Verwahrlosung aufstehen ließ. Wie aus der Straßenfußball-Meisterschaft in Medellin die erste Straßenfußball-Weltmeisterschaft in Berlin wurde

-

Von Jürgen Griesbeck

Vor zwölf Jahren wurde Andrés Escobar erschossen. Viele Fußballfans haben den Mord an dem kolumbianischen Nationalspieler noch gut in Erinnerung. Als ein Ausdruck beispielloser Gewalt im Zusammenhang mit einer Fußball-WM, als Symbol für Kolumbien, das damals wie kein anderes Land für Willkür und Rechtlosigkeit stand. Für mich ist diese Tat, begangen in einer Juli-Nacht in Medellin, nicht nur Erinnerung. Sie hat mein Leben verändert. Und sie hat, über viele Stationen hinweg, zum Mariannenplatz in Kreuzberg geführt, wo in diesen Tagen die 1. Straßenfußball-Weltmeisterschaft läuft.

Eine Promotion sollte es werden, als ich im Dezember 1993 nach Kolumbien kam, das Thema: „Gesundheitsförderung im Alltag durch Sport“. Oder übersetzt, wie können Menschen gesund bleiben, die keinen Zugang zum Gesundheitssystem haben und welche Rolle kann ein verbessertes Körperbewusstsein dabei spielen. Es kam alles anders, am 2. Juli 1994 wurde Andrés Escobar ermordet.

Andrés Escobar war der Gentleman des kolumbianischen Fußballs. Sinnbild für Fairplay und den Spaß am Spiel. Ein Fußballer, zu dem man aufblicken konnte, ein Vorbild nicht nur für die Kinder in Kolumbien. Andrés spielte für den Klub Atlético Nacional de Medellin, Rückennummer 2. Ich war oft im Stadion, weil meine Frau die Spiele des Klubs fotografierte. Andrés war ein sehr nahbarer Typ, ohne Starallüren.

Deshalb glaubte er auch, dass sein Eigentor nicht das Ende der Welt bedeuten würde, und flog trotz der Warnungen seiner Mitspieler und seiner Familie kurz nach dem letzten Gruppenspiel gegen die Schweiz zurück nach Medellin. Er wollte sich der Situation stellen, die Schuld auf sich nehmen und weiter an sich arbeiten. Es bei der nächsten WM besser machen. Dieses im Grunde demokratische Prinzip des Fußballs, dass es immer eine Revanche, ein nächstes Mal, ein Rückspiel gibt, würde hier nicht greifen.

Ich stand wie jeden Morgen unter der Dusche, um rechtzeitig zu meinem Seminar an der Universidad de Antioquia zu kommen, als der Nachrichtensprecher am 2. Juli um fünf Uhr früh den Mord an Andrés Escobar im Radio vermeldete. Ein banales Wortgefecht war der Auslöser. Ein Bodyguard, der die Ehre seiner Arbeitgeber verletzt sah, drückte einfach ab. Sechsmal, durch das offene Autofenster, auf einem Parkplatz vor dem Restaurant, in dem Andrés mit ein paar Freunden zum Essen war. Kein geplanter Mord, auch nicht die Rache der Wettmafia, die auf das Weiterkommen Kolumbiens bei der WM gesetzt hatte. Ein (fast) alltäglicher Mord in einer Stadt, in der zu jener Zeit ein falsches Wort zur falschen Zeit eine Frage von Leben oder Tod sein konnte. Andrés war tot, und ein ganzes Land trauerte.

Das Begräbnis erinnerte an eines der Spiele von Atlético Nacional. Der Friedhof, Campos de Paz im Stadtteil Belén, liegt an einem kleinen Hügel. Dieser Hügel wurde zur Stehplatztribüne für Tausende, viele Tausende, die es immer noch nicht glauben wollten. Alle waren in ihren Fanklamotten gekommen, sowohl in den grün-weißen Farben von Atlético Nacional als auch in den gelb-rotblauen Farben Kolumbiens. Die No. 2 war tot, hingerichtet, und nun aufgebahrt. Schreie mischten sich mit den Gesängen der Fans, lauter und wütender als im Stadion. Die No. 2 wurde danach jahrelang nicht mehr vergeben. Erst Iván Ramiro Córdoba, heute Inter Mailand, wagte, sowohl die grün-weiße als auch die gelb-rot-blaue No. 2 wieder überzustreifen.

Der Mord war eine Niederlage auf allen Ebenen. Das Ausscheiden der kolumbianischen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM war nur die eine. Viel schlimmer war, dass einmal mehr die Hoffnung des ganzen Volkes im Ansatz erstickt wurde, nicht nur als Drogen- und Waffenhändler in einem im Guerillakrieg stehenden Land wahrgenommen zu werden. Die Hoffnung, durch eine erfolgreiche WM-Teilnahme positive Nachrichten aus Kolumbien in die Welt zu senden, war enttäuscht worden.

Wie kann der Fußball, dieses auf Teamgeist und Fairness angelegte Spiel, zu einem Mord führen, wie sehr spiegelt der Fußball den Zustand einer Gesellschaft wider, wie kann diese Macht des Fußballs positiv genutzt werden – diese und andere Fragen bewegten mich nach dem Tod von Andrés Escobar. Als einer der vielen Trauernden fühlte ich mich plötzlich als Bürger Medellins, obwohl ich erst seit kurzem da war. Und sah die Verantwortung und auch die Möglichkeit, dass dieser Tod – trotz aller Trauer – etwas Positives bewirken kann. Das enorme Potenzial des Fußballs nutzen, um Gewalt zu verhindern und um andere soziale Ziele zu erreichen – der Tod von Andrés stellte mir diese Aufgabe, so pathetisch das jetzt auch klingen mag. Es sollte ein Lebensprojekt werden.

Plätze zum Bolzen gab es genügend in der Stadt. Sie waren von den jugendlichen Banden belegt, die dort ihre Waffen putzten und ihre Macht demonstrierten. Ich machte mich an die Arbeit, sie für den Fußball zurückzuerobern. Es folgten viele Gespräche mit Menschen, die auf die ein oder andere Art mit dem bewaffneten Konflikt zu tun hatten. Die Promotion legte ich auf Eis, widmete mich stattdessen einem Master-Studium, das Thema „Soziale Katastrophen“. Und arbeitete parallel dazu am Aufbau des Projekts „Fußball für den Frieden“ (Fútbol por la Paz).

Im Mai 1997 trafen sich die ersten 16 Teams im Barrio Antioquia, einem der stigmatisierten Stadtteile, angrenzend an den alten Flughafen von Medellin. Mit dabei waren zehn der bewaffneten Banden der Stadt. Eines ihrer Mitglieder stand mit mir am Spielfeldrand, sagte zu mir: „Ich habe noch nie zuvor so viel Scheiße auf einem Haufen gesehen.“ Und deutete in Richtung der Spieler. Und dennoch – die Projekteröffnung verlief ohne Probleme, und auch bei den darauf folgenden „Spieltagen“ gab es keine Zwischenfälle. Bald konnten auch die Sicherheitsmaßnahmen aufgegeben werden. Unerwartet schnell war Vertrauen in das Projekt entstanden. Der Wunsch, an der verfahrenen Situation etwas zu ändern, die Sehnsucht nach einem Leben in Frieden und – vor allem – der Spaß am Fußball waren größer als alle Vorbehalte gegenüber der neuen Spielweise.

Schiedsrichter gab es keine, Mädchen mussten mitspielen und dazu noch das erste Tor in jeder Halbzeit erzielen – sonst zählten alle Tore nicht. Warum das alles?

Es ging mit „Fútbol por la Paz“ um mehr als um Fußball. Dahinter stand ein Gesellschaftsentwurf, der auf Respekt und Toleranz basierte und die Dialogfähigkeit in den Mittelpunkt stellte. Die gewaltbereiten Jungs sollten lernen, sich in ein Team einzuordnen, sie sollten Frustrationstoleranz üben und Konflikte über den Dialog auszutragen. Sie lernten, so zu spielen, dass auch die Mädchen Tore schossen, damit ihr Team siegen konnte. Kein Schiedsrichter als höhere Instanz, gemeinsam wurden die Fouls besprochen. Dazu gab’s ausgebildete Schlichter, die tätig wurden, falls die Situation zu eskalieren drohte, aber auch nur dann.

10 000 junge Männer und Frauen aus Medellin, weit mehr als 500 Teams, spielten nach weniger als einem Jahr bei „Fútbol por la Paz“. Das Projekt begann, das öffentliche Leben der Stadt mitzuprägen. Die Trikots – alle hatten dieselben – wurden Ausdruck einer Friedensbewegung, Lebensversicherung und Busfahrkarte zugleich. Jugendliche hatten nach vielen Jahren wieder die Chance, sich durch ihre Stadt zu bewegen, im Stadtzentrum eine Arbeit zu suchen. Das Projekt hatte sich eine Aura der gewaltfreien Zone geschaffen. An einem der Spieltage, ich war mit meinen inzwischen zwei- und dreijährigen Kindern dort, sagte eines der Bandenmitglieder den Satz zu mir, der bis heute eine Triebfeder für mich ist: „Ich hoffe, dass eines Tages die Menschen den Frieden so ernst nehmen wie ein Fußballspiel.“

In der Folge gab es vor allem zwei Menschen, die die weitere Entwicklung prägten: Antje Vollmer, die 1998 als Bundestags-Vizepräsidentin das Projekt in Medellin besuchte und den Weg dafür ebnete, den Ansatz in Deutschland im Rahmen von „Straßenfußball für Toleranz“ weiter zu entwickeln. Und Jürgen Klinsmann mit seiner Vision für den Fußball, die er lange vor seiner Zeit als Bundestrainer verfolgte. Mit ihm begann der Kontakt im Jahr 2001. Doch zunächst ging mein Weg von Medellin nach Potsdam. Im Land Brandenburg baute ich bis 2002 das Projekt „Straßenfußball für Toleranz“ auf, als Zeichen gegen rechte Gewalt. Vor allem das Bundesjugendministerium schöpfte bald Vertrauen, es unterstützte den Start des weltweiten Straßenfußball-Netzwerks streetfootballworld.

Ich hatte in der Zwischenzeit soziale Fußballprojekte in anderen Ländern kennen gelernt, die alle in ähnlichen Situationen waren: erfolgreich, aber unsichtbar. Streetfootballworld ging an den Start mit dem Ziel, globale Kooperations- und Kommunikationsplattform für all diese Projekte zu werden. Und mit dem übergeordneten Ziel, dass Politik, Wirtschaft und Fußballverbände ihre Verantwortung für die soziale Dimension des Fußballs wahrnehmen.

In diese Zeit fiel auch der Kontakt mit Jürgen Klinsmann. Im Jahr 2001 hörte ich ihn in einer Talkshow über die WM 2006 und die Chancen sprechen, die sich für Deutschland daraus ergeben. Ich schrieb ihm eine E-Mail, er schrieb zurück, und es folgte ein reger Austausch über die Frage, wie das enorme Potenzial des weltweiten Straßenfußballs genutzt werden könnte. Unter dem Dach der Stiftung Jugendfußball bot er streetfootballworld ein erstes Zuhause an, im April 2002 wurde die Zusammenarbeit besiegelt. Inzwischen zählen mehr als 80 Projekte zum weltweiten Straßenfußball-Netzwerk, und streetfootballworld ist seit 2004 eine gemeinnützige GmbH.

Das „streetfootballworld festival 06“ ist in diesem Sinne Ergebnis und Startpunkt zugleich, ein Meilenstein eben. Seit Sonntag kicken 24 Straßenfußball-Teams aus Modellprojekten weltweit um die Copa Andrés Escobar, und alles hat sich schon jetzt gelohnt.

Der Autor ist geschäftsführender Gesellschafter von streetfootballworld und Organisator der Straßenfußball-WM in Berlin.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben