Zeitung Heute : Von Mensch zu Mensch

Das norwegische Barentssekretariat pflegt den Dialog mit Murmansk

Rolf Brockschmidt

„In Russland nennen sie Kirkenes Klein-Murmansk“, erzählt Thomas Nilsen vom Norwegian Barents Secretariat in Kirkenes. „Bei uns gibt es Straßenschilder auch in Kyrillisch, in den baltischen Staaten schafft man sie ab. Murmansk hat ein Wirtschaftswachstum, dass deutlich über dem Russlands liegt.Wir sehen hierin eine Chance.“ Thomas Nilsen arbeitet für das Norwegische Barentssekretariat in Kirkenes, das auch Büros in Murmansk, Archangelsk und Naryan- mar unterhält. Finanziert wird es vom norwegischen Außenministerium, das in diesem Jahr gerade den Etat wieder erhöht hat auf jetzt 4,2 Millionen Euro. Davon stehen 3,6 Millionen Euro für die sogenannte „Mensch-zu-Mensch-Diplomatie“ zur Verfügung, Projekte, die beiden Ländern dienen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde 1993 das Sekretariat gegründet, erzählt Nilsen. Es war die Idee von Sverre Jervell, einst auch Leiter der politischen Abteilung an der Norwegischen Botschaft in Berlin. Jervells Vorbild war die deutsch-französische Kooperation in den Grenzgebieten.

Die Grenze Norwegens nach Russland war zu Zeiten des Kalten Krieges geschlossen, Murmansk war Sperrgebiet, aber die Politiker in Oslo und Moskau suchten den Dialog der kleinen Schritte. Hilfreich war dabei, dass der damalige Außenminister Russlands Andrei Kosyrew aus Murmansk stammte. „Es war ein Experiment. Was geschieht mit einem norwegischen Gouverneur, der plötzlich mit Russland redet? Unerwartet sind auch lokale und regionale Politiker in die Außenpolitik eingebunden. Das war neu. Ich selbst habe heute gute Kontakte zu russischen Politikern jenseits der Grenze“, erzählt Nilsen.

Natürlich sei nicht alles optimal im Dialog mit Russland. Russland spreche eben mit vielen Stimmen. Das Land habe viele Nachbarn und leider auch viele Probleme, im Baltikum, im Kaukasus, auf dem Balkan gab es Krieg. Der einzige Nachbar, mit dem es immer friedlich zuging, sei Norwegen. Rom habe damals seine Missionare nach Vardø geschickt und Konstantinopel seine Richtung Murmansk. Die Grenze zwischen beiden Ländern sei alt und nicht verändert worden, erläutert Nilsen. „Wir hatten hier vor zweieinhalb Jahren den letzten illegalen Grenzübertritt. Wir gehören zum Schengenraum, es ist eine ruhige Grenze.“ Norwegische Ängste aus den 1990er Jahren hätten sich nicht bewahrheitet.

Die Russen zeigen Präsenz im hohen Norden, die Zahl der Militärflüge entlang des norwegischen Luftraums hat sich erhöht, mittlerweile fliegen sie bis zu den Lofoten. Marinemanöver im Eismeer wie jetzt im Februar gehören dazu. „Das alles bedeutet: Seht her, wir sind wieder wer. Das ist keine Bedrohung, sondern ist der russischen Innenpolitik geschuldet. Russische U-Boote besuchen uns offiziell und umgekehrt. So funktioniert das. Es gibt sogar schon norwegische Studenten, die in Murmansk studieren, und die Russen kommen nach Tromsø, um dort Wirtschaft und Ingenieurwissenschaften zu studieren“, erzählt Nilsen. Wer heute auf das Gymnasium geht, kennt keinen Kalten Krieg mehr. Daher unterstütze das Sekretariat auch den Schüleraustausch.

Vertrauen durch Kultur, Begegnung und Zusammenarbeit aufbauen, das ist das Ziel des Barentssekretariats. So sehen es auch das Gastspiel der Norwegischen Oper in Murmansk, „das war ein Eisbrecher“. Das Barentssekretariat denkt aber auch an seine eigenen Interessen. „Wir fördern das Ost-West-Denken, um die Flucht nach Süden zu vermeiden“, erklärt Thomas Nilsen. Denn das Abwandern junger Norweger gen Süden nach der Schule ist eines der großen Probleme Nordnorwegens (Siehe Seite B4). Die aufstrebende Region Murmansk wird dabei immer wichtiger. „Die Russen kommen immer mehr nach Kirkenes, um hier einzukaufen, vor allem Elektronik und Markenkleidung. Es kommen auch allmählich mehr Touristen. Sie gehen gerne angeln und fahren Ski, sie sind eigentlich so ähnlich wie wir.“

Sorge macht Russen und Norwegern der Klimawandel. „Das eisfreie Meer kommt schneller, als wir denken. Kirkenes könnte dann ein Hafen werden und die ganze Region würde an strategischer Bedeutung gewinnen. Denn der Weg von Kirkenes nach Japan ist um ein Drittel kürzer als von Rotterdam aus.“ Wenn dann noch das riesige Stokmanfeld in der Barentssee, das von Eis bedeckt ist, einmal erschlossen werden kann und weiteres Gas gewonnen wird, dann wird die Bedeutung Murmansks als Hub noch weiter zunehmen.

Für die Zukunft hat sich das Sekretariat neue Aufgaben vorgenommen: noch mehr Kulturbegegnungen über die Grenze mit „BarentsKult“ und Unterstützung der indigenen Bevölkerung bei der Privatisierung der Rentierzucht auf der Kola-Halbinsel. Rolf Brockschmidt

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