Zeitung Heute : Von Menschen gemacht

Dioxin ist ein schleichendes Gift – es führt zu Entstellungen der Haut und gravierenden Spätfolgen

Paul Janositz

Der ukrainische Oppositionsführer Viktor Juschtschenko ist nach Angaben seiner Ärzte Opfer einer Dioxinvergiftung. Was ist Dioxin, wie wirkt es und wie lässt sich eine Vergiftung behandeln?

Narben, Pusteln, Ausschläge, Schwellungen – das Gesicht Viktor Juschtschenkos ist gezeichnet. Vor drei Monaten traten die Symptome plötzlich auf. Zu Gesichtslähmungen gesellten sich Übelkeit und Rückenschmerzen. Eine Vergiftung, wurde gemunkelt, denn der ukrainische Oppositionspolitiker hatte mit dem Geheimdienstchef zu Abend gegessen. Doch es konnte nichts nachgewiesen werden – Juschtschenko verließ die Wiener Klinik, die er mit Nierenschmerzen sowie Beschwerden an Bauchspeicheldrüse und Leber aufgesucht hatte, wegen des Wahlkampfs vorzeitig.

Hätten die Ärzte mehr Zeit gehabt, wäre die jetzt bekannt gewordene Diagnose wohl schon damals gestellt worden. „Dioxin lässt sich nämlich einfach nachweisen“, sagt Professor Bert Schlatterer. Der Toxikologe war lange Jahre Leiter des Brandenburgischen Lebensmitteluntersuchungsamtes in Potsdam, wo die Dioxin-Analyse mit Flüssigchromatographie zur Routineuntersuchung gehört.

Die Symptome Juschtschenkos, vor allem die Chlorakne genannten Hautveränderungen, die sich von sich aus nie mehr zurückbilden werden und allenfalls chirurgisch behandelt werden könnten, deuten auf die Aufnahme einer großen Menge Dioxin hin. Die Rede ist von mindestens dem Tausendfachen der normalen Menge, die jeder Mensch im Körper habe. Ab welcher Dosis Dioxin tödlich sein könnte, vermag Toxikologe Schlatterer nicht zu sagen. Das hänge stark von Gewicht und Gesundheitszustand des Betroffenen ab. Aber im Falle Juschtschenkos deutet alles auf einen Anschlag hin – auch die Wiener Ärzte schlossen ihre Erklärung mit der Zusatzdiagnose „Verdacht auf Fremdverschulden“. Die akute Giftwirkung von Dioxin schätzt Schlatterer allerdings als nicht sehr effektiv ein. Wer immer Juschtschenko umbringen wollte, hätte also durchaus wirkungsvollere Alternativen gehabt: Arsen, Thallium, Insektenvernichtungsmittel wie E605.

Die Auswirkungen von Dioxin-Vergiftungen stellen sich eher schleichend ein. Die Substanz entsteht bei Verbrennungs- und Hochtemperaturprozessen, bei denen Kohlenwasserstoffe, Sauerstoff und Chlor beteiligt sind – in der chemischen Chlor-Reinigung, bei der Metallveredelung und der Herstellung von Pflanzenschutzmitteln zum Beispiel. In der chemischen Industrie entsteht das weiße Pulver als Abfallprodukt bei Herstellung und Verarbeitung chlorierter Kohlenwasserstoffe, aber auch bei der Chlorbleiche in der Papierherstellung. Auch Müllverbrennung, Automobilverkehr und metallverarbeitende Prozesse wie Magnesium- oder Eisenherstellung tragen zur Verbreitung von Dioxin bei. Das entsteht aber auch durch ganz natürliche Prozesse wie Waldbrände und Gewitter.

Unter dem Sammelbegriff Dioxin werden insgesamt 75 „Dibenzodioxine“ und 135 ähnlich gebaute „Dibenzofurane“ zusammengefasst. Als das gefährlichste gilt das 2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-p-dioxin (2,3,7,8-TCDD), das als Seveso-Dioxin (siehe Kasten) berüchtigt ist. Bei der Explosion von 1976 wurden die Einwohner der italienischen Stadt einer großen Menge Dioxin ausgesetzt, die vorwiegend über die Atemwege und die Haut in den Körper gelangte.

In den meisten Fällen gelangt Dioxin aber über Nahrung in den Körper. Und dabei ist die Wirkung noch stärker, sagt Schlatterer. Dioxin sei ein rasch wirkendes Gift, wobei sich Symptome wie Schäden an Leber, Niere oder Bauchspeicheldrüse erst nach etwa 18 bis 20 Tagen zeigten. Auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen könnten vorkommen. Im Laufe der Zeit gesellten sich Beeinträchtigungen des Immunsystems hinzu. „Spätfolgen können zum Beispiel neurologische Ausfälle sein“, erklärt Schlatterer. Darunter litten auch Vietnam-Veteranen, die mit dem Entlaubungsmittel „Agent Orange“ in Berührung kamen. Auch für erhöhte Missbildungsraten bei vietnamesischen Säuglingen wird die dioxinhaltige Sprühflüssigkeit verantwortlich gemacht.

Dergleichen blieb als Folge der Seveso-Katastrophe aus, ebenso wie der befürchtete Anstieg der Krebsfälle nicht eintrat. Möglicherweise ist die einmalige Exposition mit einer hohen Dioxinkonzentration nicht so schwer wiegend wie die lang andauernde Aufnahme kleiner Mengen. Hier macht sich die gute Fettlöslichkeit von Dioxin bemerkbar. „Auch kleinste Mengen werden im Fettgewebe gespeichert“, sagt Schlatterer. So entstehe eine Dioxin-Deponie im Fettgewebe unter der Haut oder in der Leber. Der Körper kann die Substanz nur langsam abbauen. Innerhalb von zehn Jahren ist gerade mal die Hälfte der aufgenommenen Menge verschwunden.

Im Körper tickt also eine Zeitbombe. „Dioxin gilt als krebserzeugender Stoff“, betont Schlatterer. So seien Karzinome an Leber oder Bauchspeicheldrüse auch als Berufskrankheit anerkannt, falls Betroffene über Jahrzehnte mit dioxinhaltigen Substanzen in Berührung kamen. Allerdings ist der krebserzeugende Mechanismus nicht geklärt. Möglicherweise löst Dioxin nicht selbst die Krankheit aus, sondern wirkt als Verstärker und Beschleuniger bei der Tumorbildung.

Im Laufe der Zeit können Leber, Niere oder Bauchspeicheldrüse versagen. Das Immunsystem wird geschwächt, das Hormonsystem kommt durcheinander. Als Therapie kommt eine Kortisonbehandlung infrage, sagt Schlatterer. Ansonsten müssten Ernährung und der gesamte Lebensstil umgestellt werden, um die anfälligen Organe zu schonen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!