Zeitung Heute : Von Nachbar zu Nachbar

Strategische Partnerschaft im Energiebereich – Streit über Grenzen

Claudia Salzen

Anfang April nahm ein russisches Schiff Kurs auf die norwegische Inselgruppe Spitzbergen. Dem russischen Fernsehsender NTV war das gleich eine Meldung wert – schließlich war die „Mikula“ in ungewöhnlicher Mission unterwegs: Sie solle „russische Fischer schützen, die vor der Inselgruppe Spitzbergen Fischfang betreiben“. Immer öfter sei es in letzter Zeit zu Konflikten mit der norwegischen Küstenwache gekommen. Wenige Tage zuvor hatte Norwegens Küstenwache zwei russische Trawler festgesetzt, die sich nicht an Fischereibestimmungen gehalten haben sollen: So musste einer der beiden Kapitäne rund 62 600 Euro Strafe zahlen, weil er norwegische Gewässer verlassen wollte, ohne seinen Fang registrieren zu lassen. Bei diesem Streit geht es im Kern darum, wer vor Spitzbergen das Sagen hat: Norwegen reklamiert eine Fischereischutzzone von 200 Seemeilen für sich, Russland erkennt diese jedoch nicht an. Der Kapitän der „Mikula“ erklärte bereits, nun sollten norwegische Fischtrawler kontrolliert werden.

Diese Geschichte mag ein wenig absurd klingen, aber sie wirft ein Schlaglicht auf die Beziehungen zwischen Norwegen und Russland: Beide Länder wollen die natürlichen Ressourcen der Arktis – von den Fischbeständen bis zu den großen Vorkommen an Öl und Gas – für sich nutzen. Moskau agiert dabei mit einem neuen Selbstbewusstsein. Das vielleicht größte Problem zwischen beiden Ländern sind allerdings die zum Teil noch immer unklaren Seegrenzen. Seit den 70er Jahren verhandeln beide Seiten über die Abgrenzung ihrer Wirtschaftszonen in der Barentssee. Sowohl Norwegen als auch Russland erheben Anspruch auf ein riesiges rohstoffreiches Gebiet. „Aber das ist nicht unbedingt ein Problem zwischen Norwegen und Russland“, betont Jon Bingen, Direktor des Norwegischen Instituts für Strategische Studien. Ein ähnliches Problem gebe es zwischen Kanada und den USA. Daher müssten diese Fragen gemeinsam mit den anderen Arktis-Anrainern gelöst werden.

In der Region geht es um riesige Energiereserven – und damit um viel Geld. Nach einer Schätzung des Geologischen Dienstes der USA könnte ein Viertel der noch unentdeckten Öl- und Gasreserven der Welt in der Arktis liegen. Kritiker halten diese Vorhersage aber für sehr optimistisch. „Diese Zahl ist reine Fantasie“, sagt Bingen. „Wie kann man 25 Prozent von etwas messen, das man noch gar nicht gezählt hat?“ Außerdem, so gibt Bingen zu bedenken, ist ein großer Teil der Gasvorkommen im Festlandsockel bereits entwichen.

Doch der Wettlauf um die Rohstoffe in der Arktis hat längst begonnen. Sichtbares Zeichen dafür ist die russische Fahne, die ein von Moskau entsandtes Team von Wissenschaftlern im vergangenen Sommer auf dem Meeresgrund am Nordpol hisste. Die Forscher sollten Moskaus Ansprüche auf die rohstoffreichen Gewässer wissenschaftlich fundieren. Prompt zog Dänemark mit einer ähnlichen Expedition nach, Kanada schickte gleich den Premier Richtung Nordpol.

Norwegen reagierte dagegen eher verhalten auf die plakative Aktion. Das Land erhebt keine Gebietsansprüche an die Region unmittelbar am Nordpol. Außerdem bemüht sich die Regierung in Oslo um eine Kooperation mit Moskau: Nur in Zusammenarbeit mit Russland sei eine nachhaltige Nutzung der Ressourcen in der Barentssee möglich, heißt es im Strategiepapier der norwegischen Regierung zum hohen Norden. Lange schien es, als würde dieses Konzept nicht aufgehen. Russland hatte es zunächst abgelehnt, norwegische Firmen an der Entwicklung des lukrativen Stockman-Gasfeldes zu beteiligen. Doch im Oktober rief der russische Präsident Wladimir Putin beim norwegischen Regierungschef Jens Stoltenberg an, um ihm die frohe Botschaft zu überbringen: Gazprom lud die norwegische Firma StatoilHydro ein, bei der Entwicklung des Stockman-Feldes mitzumachen. Sowohl Stoltenberg als auch Putin sprachen von einer strategischen Partnerschaft beider Staaten im Energiebereich.

Aus Sicht der norwegischen Regierung könnte der hohe Norden zur „Energieprovinz“ Europas werden. Die Bedeutung der Region wird wohl im Zuge des Klimawandels noch weiter wachsen. Bisher unzugängliche Ressourcen scheinen nun fast in Reichweite. Vor allem aber werden neue Schifffahrtswege entstehen, wenn das Eis in der Arktis weiter schmilzt. Dann könnten das ganze Jahr über Schiffe über eine nördliche Route von Europa nach Asien fahren. „Diese Region ist von enormer strategischer und ökonomischer Bedeutung“, sagt Bingen. „Die Abhängigkeit der Welt von diesem Gebiet ist gewachsen.“ Auch für Russland werde die Barentssee immer wichtiger, weil hier künftig noch mehr Exporte aus dem russischen Kernland transportiert würden. Sie sei ein Zugangsweg von und nach Russland ebenso wie zum Nordpolarmeer. Bingens Schlussfolgerung: „Alle global player werden sich auf diese Region konzentrieren, auch in militärischer Hinsicht.“

Das norwegische Forschungsinstitut für Verteidigung stufte Russland im vergangenen Jahr sogar als „militärische Bedrohung“ ein. Die Verteidigungsexperten warnten vor einer „begrenzten militärischen Aktion“. Generalstabschef Sverre Diesen hält einen Einmarsch russischer Truppen zwar für unrealistisch, malt aber in einem vertraulichen Bericht, aus dem norwegische Medien zitierten, ein Szenario aus, in dem der Kampf um Gas, Öl und Fischbestände zu einem ernsten Konflikt wird. Sehr genau wird in Oslo auch beobachtet, dass Russlands Militär in der Region neuerdings demonstrativ Präsenz zeigt. Im vergangenen Jahr wurden 88 russische Militärflugzeuge vor Norwegen beobachtet, 2006 waren es nur 14. Von einer Bedrohung durch Russland will Verteidigungsministerin Anne-Grete Strøm-Erichsen nicht sprechen. Die Präsenz der norwegischen Armee im hohen Norden soll aber weiter verstärkt werden. Claudia von Salzen

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