Zeitung Heute : Von Nazis und 68ern

Von Harald Martenstein

Die größte politische Leistung der deutschen 68er-Generation besteht darin, dass sie es geschafft hat, 40 Jahre lang ein Thema zu bleiben. In Deutschland wird jedes 68er-Jubiläum gefeiert wie in England das Krönungsjubiläum der Queen. Die 68er werden irgendwie viel zu wichtig genommen, sag ich jetzt einfach mal.

Die Welt hätte sich auch dann weitergedreht, wenn Fritz Teufel, Rainer Kunzelmann und Konsorten niemals geboren worden wären. Es gab damals, in den 60ern, einen weltweiten Modernisierungsschub. Der Glaube, die Traditionen, die Moralgesetze und so weiter sind nicht von ein paar Hippies, ein paar Maoisten und von dem Klaus aus der WG Bautzener Straße aus den Angeln gehoben worden, sondern durch das Entwicklungsgesetz der kapitalistischen Gesellschaft. Der Markt drängt dazu, alles zur frei zugänglichen Ware für jedermann zu machen, das bringt einerseits Befreiung von Zwängen, andererseits Entzauberung. Wenn wir heute sexuell freier sind als vor 40 Jahren, verdanken wir das nicht Uschi Obermaier und ihrer Kommune. Und wenn heute weniger Leute in die Kirche gehen als 1960, dafür aber mehr Leute Popmusik hören, dann hat dies weder Otto Schily bewirkt noch Jutta Ditfurth, nicht einmal Joschka Fischer. Elvis Presley hat die deutsche Gesellschaft viel stärker verändert als der SDS oder die Autonomen.

In der deutschen Debattenkultur gibt es zwei Leitthemen, den Nationalsozialismus und die 68er. In regelmäßigen Abständen findet eine NS-Debatte statt, zuletzt war es der Streit um Günter Grass und die Waffen-SS, anschließend eine 68er-Debatte, dann wieder eine NS-Debatte. Ein Ende ist nicht absehbar.

Der Historiker und ehemalige Maoist Götz Aly hat jetzt ein Buch mit dem Titel „Unser Kampf“ geschrieben, das beide Großthemen zusammenführt, indem er die 68er in die Nähe der Nazis rückt. Das war mal wieder fällig. Etwas Ähnliches wie Götz Aly hatten CDU und „Bild“ schon 1968 versucht, indem sie die demonstrierenden und Autos demolierenden Studenten zu „Linksfaschisten“ erklärten. Die 68er sind aber kein deutsches, sondern ein internationales Phänomen. Aus eigener Anschauung weiß ich, dass die K-Gruppen in Frankreich genauso doktrinär waren wie die K-Gruppen in Deutschland. In Italien, den USA und England war’s ähnlich. Allein deswegen kann die Götz-Aly-These nicht ganz stimmen, abgesehen davon, dass die 68er besseren Sex und bessere Drogen hatten als die Nazis. Zwar sind nicht wenige 68er bis zum heutigen Tage rechthaberisch, intolerant, spießig und autoritär und empfinden sich dabei auch noch als besonders gute Menschen, aber das alles galt auch für Erich Honecker und Erich Mielke, die keine Nazis waren, es sei denn, Götz Aly beweist das Gegenteil.

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