Zeitung Heute : Von Null auf Hundert bis Sonnenuntergang

Roland Mischke

In Zwickau steht das meistgefahrene Auto der DDR auf dem Georgenplatz. Unbeweglich, 3,6 Tonnen schwer. Viel Gewicht für ein Duroplastgefährt, das im wirklichen Leben ein Leichtgewicht war. "Diplom-Plastiker" Berthold Dietz hat es aus einem Elbsandsteinblock gehauen. Ein Trabbi zum Träumen. Zwei Meter lang und mit einer aus Bronze gegossenen Figurengruppe, Vater, Mutter und Kind, die glücklich auf ihre "Rennpappe" schauen, wie der Trabant im Volksmund genannt wurde. Böse Zungen in Zwickau sagen, der Bildhauer habe vor seinem inneren Auge eine Familie gehabt, die nach zwölf Jahren Wartezeit endlich ihren Trabbi abholen konnte. Womöglich ist es diese nostalgische Erinnerung, die den Zwickauern 100 000 Mark wert war. Das Geld für die Skulptur kam überwiegend durch Spenden zusammen.

Zwickau war für die DDR das, was Wolfsburg für die Bundesrepublik war und ist: Autostadt, Abholerort. Hierher reiste man mit Kind und Kegel und großen Augen. Bis 1991 wurde der Trabant in dieser Stadt gebaut. Wartburg, Skoda und Lada waren technisch ausgereifter, besser ausgestattet, schneller. Aber davon will man heute in Zwickau nichts wissen. Immerhin brachte es die Produktion im VEB Sachsenring - nach den Wendewirren und der VW-Übernahme seit Ende der neunziger Jahre wieder ein Erfolgsunternehmen - auf eine Stückzahl von drei Millionen. Wichtiger noch ist die Symbolik: Das hoppelnde Tüff-tüff-tüff-Autochen war der Volkswagen des Arbeiter-und-Bauern-Staates. Eine technische Hervorbringung, die viel Zeit und Zuwendung benötigte, die mal mit viel Sachverstand, mal mit viel Fantasie gehätschelt werden musste, damit sie ansprang und beim Laufen möglichst lange durchhielt. Aber auch ein unverwüstliches Ungetüm, bullig, ruckelnd, unberechenbar auf Schnee und spiegelglatter Straße, aber wie an der Schnur gezogen auf der von der Sonne beschienenen Autobahn, mit der sagenhaften Beschleunigungsleistung von Null auf 100 bis Sonnenuntergang, wie die Zwickauer scherzen.

Sachsenring statt Ehering

Heute ist der Trabbi für die einen ein TV-Problem, für die anderen ein Oldtimer. Trabbi-Clubs gibt es in Zwickau gleich mehrere, und dass einer von ihnen "Sachsenring statt Ehering" heißt, verrät einiges über die Mentalität der Westsachsen. Hier erscheint auch das Zentralorgan aller Fans: "Super Trabbi". "Uns geht es einzig und allein um die Pflege des technischen Kulturgutes Trabant", verkündet salbungsvoll Geschäftsführer Edgar Haschke.

Der Trabbi und die Zwickauer - eine unendliche Geschichte. Man ist sehr bemüht in der Sachsenstadt, sie lebendig zu halten. Inzwischen ist das eine Angelegenheit hoch dotierter Marketingstrategen. Wer die Duroplast-Parade im Automobilmuseum abläuft, sich die Kommentare der "gelernten DDR-Bürger" (Manfred Stolpe) anhört und ihre glänzenden Gesichter sieht, kann ermessen, was ihnen der Trabbi einst bedeutete.

Zwickau - wo liegt das überhaupt? Ziemlich derangiert, ohne ICE-Anschluss, etwa in der Mitte zwischen Gera und Chemnitz. Eine 100 000-Einwohner-Stadt am Rand des Erzgebirges, die bisher keine touristische Top-Adresse war. Obwohl sie einst, durch den Silberbergbau, zu den reichsten Städten Deutschlands zählte. Obwohl der Komponist Robert Schumann hier geboren wurde, Horch, Wanderer, DKW und Auto-Union an der Mulde angesiedelt waren. Und obwohl Zwickau seit einiger Zeit "Urban"-Stadt ist, auserwählt von der Gemeinschaftsinitiative der EU und besonders gefördert, um als modellhaft sanierte Stadt im Reigen mit anderen Auserwählten zu glänzen. Eine Menge europäisches Geld fließt in die Industriestadt, die kaum noch eine solche ist. Das hat seinen Grund: Kaum eine zweite deutsche Kommune verfügt über einen so reichen Bestand sowohl an hochwertiger gotischer wie auch prächtiger Architektur des Jugendstils.

Für Zwickau kam die Wende gerade noch rechtzeitig: Die gotische Altstadt war von den Funktionären schon aufgegeben worden, die SED setzte im Wohnungsbau auf die Platte. Einige Altstadt-Veteranen waren nach dem Abgang der roten Fürsten nicht mehr zu retten, andere Gebäude, wie die "Neue Welt" mit ihrem pompösen Festsaal, erstrahlen in altem Glanz. Fast 90 Prozent des Altbaubestands waren akut sanierungsbedürftig, selbst in der DDR, in der man mit Denkmälern überall lässig umging, ein einsamer Rekord.

Nun soll im Zeichen von "Urban" eine neue Identität errungen werden. Die Nordvorstadt, die Jahrzehnte lang vor sich hinrottete, ist Brennpunkt des Bemühens. Hier finden sich spektakuläre Architektur-Raritäten, etwa das 130 Jahre alte Johannisbad von Gotthilf Ludwig Möckel, als "Privatbadeanstalt" im seltenen Stil der Neugotik errichtet. Allein die EU gibt für den Umbau zum "Therapie- und Vitalitätszentrum" 13 Millionen Mark. Auch der Gasometer von 1874 gilt als einzigartiges Industriedenkmal. Die üppig ornamentierte Ziegelturmpracht soll zum Bürgerzentrum werden.

Das sind aber nur die Vorzeigeprojekte von "Urban", letztlich geht es um die Revitalisierung der ganzen Stadt, aus der um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert die meisten Patentanmeldungen in Deutschland stammten. Aus Zwickau kam stets technisches Know-how, hier gab es pfiffige Tüftler und begnadete Handwerker. Auf diese Tradition baut man heute wieder. Insofern ist die steingewordene Ostalgie richtig am Georgenplatz. Zwickaus Image ist es, die Trabbi-Stadt zu sein. Daran wird sich auch im neuen Jahrhundert nichts ändern.

Knattern auf vier Kontinenten

Rund eine halbe Million Trabbis, behauptet das Journal "Super Trabbi", knattern noch über vier Kontinente; nur nach Australien ist angeblich bisher noch keins der Gefährte verfrachtet worden. Aber die Trabbi-Fans sind davon überzeugt, dass auch die Kulturbanausen auf dem fünften Kontinent auf Dauer nicht an diesem kulturellen High-light vorbei kommen. Sie behaupten auch, ohne mit der Wimper zu zucken, der Trabbi sei inzwischen das meistgeklaute Auto Mitteleuropas, gebraucht als Gehhilfe und Pappschachtel, gepäppelt als Asphaltblase und überdachte Zündkerze. Wann, so die Enthusiasten, hat es das irgendwo auf der Welt gegeben, dass ein mehrere Jahre gefahrenes Auto, wenngleich stets top gewartet und gepflegt, zu einem Betrag veräußert werden kann, der über dem offiziellen Kaufpreis eines neuwertigen Fahrzeugs liegt?

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