Zeitung Heute : Von null auf Sehnsucht

Sie ist 26 und hat schon alles erreicht: Drei Millionen verkaufte Alben, ein Publikum, das ihr zu Füßen liegt. Helene Fischer ist Deutschlands Schlagerstar. Aber das genügt ihr nicht mehr. Jetzt will sie raus aus dieser Schublade. Darum ist ihre neue Tour eigentlich eine Kampfansage

Eine Welt aus Farben. Davon träumte Helene Fischer schon als Kind. Und hat seitdem - ehrgeizig und ausdauernd - daran gearbeitet, dass dieser Traum Wirklichkeit wurde. Foto: dpa
Eine Welt aus Farben. Davon träumte Helene Fischer schon als Kind. Und hat seitdem - ehrgeizig und ausdauernd - daran gearbeitet,...Foto: picture alliance / dpa

Vier Stunden vor ihrem Auftritt in der bayerischen Provinz, Kempten, Allgäu, sitzt Helene Fischer, 26, in ihrer Künstlergarderobe und lacht so befreit wie ein junges Mädchen. Sie ist der neue Star in der Schlagerbranche, drei Millionen verkaufte Alben, über 40 Gold- und Platin-Awards, und am Samstag wird sie vor 20 000 Zuschauern in der Berliner Waldbühne spielen. Früher, sagt sie, habe sie ihre Stimme gruselig gefunden. „Aber jetzt ist sie okay.“

In 45 Minuten ist Soundcheck, dann wird sie wieder auf der Bühne stehen, dort, wo sie sich als Kind so gerne hinauffantasiert hatte. Sie erzählt, wie sie sich als Schülerin für ein Berufspraktikum in einem Hotel entschieden hatte. „Es war schrecklich, aber es hatte etwas mit Menschen zu tun.“ Sie weiß nicht, warum dieser Bühnentraum so hartnäckig in ihr spukte, sie weiß nur, dass es da eine Sehnsucht gab nach dieser „farbigen Welt“. Die Eltern wollten „etwas Solides“, sie wollte „etwas Schönes“, deshalb „habe ich Theater oder Musical so geliebt“.

Wie sie so spricht über sich und ihre Träume, das Gesicht noch ungeschminkt, die Hände gefaltet, klingt sie lustig und gänzlich unverstellt. Ist sie wirklich so? Später, als das Konzert vorbei ist und alle Autogramme geschrieben sind, wird ein älterer Mann zu seiner Frau sagen: „Frisch geduscht schaut sie gut aus. So ohne Glitzer.“

Schlagersänger sind Projektionsflächen für Fantasien. Und ihre Lieder, so hat es Dieter Thomas Heck, der Moderator der Hitparade, einmal gesagt, „müssen der Entspannung dienen. Irgendwo muss der Mensch auch heile Welt haben.“ Helene Fischer zuckt bei diesem Zitat nun aber doch kurz mit der Braue, sie will Dieter Thomas Heck ungern widersprechen, aber heutzutage dürfe es schon erlaubt sein, die Sache etwas anders zu sehen. Der Schlager und sie, das ist zwar eine Erfolgsgeschichte, aber „diese Kategorisierung gefällt mir nicht“. Hinter ihrem Charme ist jetzt ihr Ehrgeiz zu spüren.

Aber nun muss sie los, ein Stockwerk tiefer, in die kleinste Halle ihrer 32-Städte-Tour. Ihr Ensemble wartet schon.

52 Musiker und Künstler hat die Fischer-Tour zu bieten, eine Live-Band, Tänzer und ein fast 40-köpfiges Sinfonieorchester aus Weißrussland. Der Anspruch ist Perfektion, Gala-Niveau, man ist nicht am Ballermann auf Mallorca, wo Musik andere Qualitäten haben muss. Es geht streng zu, aber dann betritt Helene Fischer die Halle, umarmt fast jeden Künstler zur Begrüßung und wirft denen Luftküsse zu, die zu weit weg von ihr stehen.

Allein die Anzahl der Musiker ist ein Hinweis auf den Ehrgeiz dieser Tour. Bevor sie startete, hat das Ensemble sich zehn Tage in eine Halle in Riesa eingeschlossen und bis zu 14 Stunden geprobt. Manche waren ziemlich fertig danach. Aber einer, der dabei war, sagt über Fischer: „Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so ausdauernd üben kann und trotzdem so extrem gut gelaunt ist.“

Einmal gibt es heftige Diskussionen im Team, die Emotionen kochen hoch, Eitelkeiten kommen zum Vorschein. Helene Fischer ist nicht da, irgendwann steht einer auf und sagt: „Wieso können wir jetzt nicht so sein wie Helene?“ Der Star wird zum Vorbild, gerade weil er keine Allüren hat.

Die Geschichte unterstreicht den Eindruck aus der Garderobe, wo sie auf einer schwarzen Ledercouch leicht nach vorne gebeugt sitzt und kein Problem hat zuzugeben, dass sie nervös sei. Aber die Nervosität ist ihr nicht anzumerken, nur die Vorfreude. Wenn man sie darauf anspricht, wie es ist, mit dem Klischee zu leben, dass im Popgeschäft die Lichtgestalten herumlaufen und im Schlagermilieu die Langeweiler, wird sie nicht spitz, sondern diplomatisch: „Mit dieser Tour kann ich als Künstler wachsen. Wir sind mutiger geworden, aber wir wollen unseren eingefleischten Schlager-Fans nicht wehtun.“ Wäre sie eine Politikerin, könnte Helene Fischer einfach sagen: Ich will die breite Mitte gewinnen.

Was hier in Kempten und in den größeren Städten wie Hamburg, München, Zürich oder Wien passiert, übrigens immer vor ausverkauftem Haus, ist eine Kampfansage an die Schlager-Schublade, in der sie steckt. Es ist eine Operation am Herzen der Schlager-Fans. Am Ende soll das Herz weiter für Helene Fischer schlagen, aber es soll dann egal sein, was sie singt, was sie tut. Träume kann sie auch in anderen Genres erfüllen.

Noch eine Stunde. Jetzt strömen die ersten Zuschauer herein. Die Fans sind keine modischen Trendsetter, das Besondere an ihnen ist Durchschnittlichkeit, sie repräsentieren ein Deutschland, das beige trägt oder bunt, aber ziemlich lustig werden kann. Es sind Menschen, über die sich Helene Fischer, wie sie sagt, niemals erheben würde. Die Texte seien schließlich ihnen gewidmet. „Schlagertexte erzählen Geschichten über diese Menschen“, sagt Fischer, „sie sollen sich darin wiederfinden. Ihr Glück, ihr Schmerz, ihre Träume. Ich singe nur Texte, die ich auch fühlen kann.“ Sonst könnte sie das Publikum nicht erreichen.

„Manchmal kommt die Liebe einfach so, Baby“, singt Fischer und mit diesen Zeilen bringt sie die Menschen „von null auf Sehnsucht“, wie es in einem anderen Lied heißt, seitdem sie 2005 der Musikmanager Uwe Kanthak entdeckt hatte. Als Schlager- und Volksmusikerin ist sie bekannt geworden, erst auf der Tour mit dem Volksmusiker Florian Silbereisen, mit dem sie heute liiert ist, dann als jüngere Version von Andrea Berg. Aber nun soll es vorbei sein mit dieser Rolle. Helene Fischer, die mit drei Jahren mit ihren Eltern und der älteren Schwester aus Sibirien nach Deutschland zog, sagt: „Ich würde mich freuen, wenn es irgendwann für mich keine Schubladen mehr gibt, sondern die Leute sagen: Das ist die Helene Fischer. Punkt.“ Andrea Berg könne dann immer noch die Königin des Schlagers sein. „Aber ich bin ich.“ Das Ich soll ihr Alleinstellungsmerkmal werden.

Die Chance ist da. Der Schlager ist vom Image alt und nicht gerade sexy, Helene Fischer ist jung, hübsch, die ideale Schwiegertochter, eine Frau jedenfalls, die allen Fans Platz lässt für Fantasie und Sehnsucht. Mit diesen Trümpfen kann man dem eigenen Publikum einiges zumuten und es entführen hinaus aus der kleinen Nische hinein in die große Unterhaltungswelt. „Entertainment“ nennt es Fischer gerne. Die Leute merken, dass sie Spaß hat, deshalb funktioniert die Tour so gut.

Mit dieser guten Laune und im lila Outfit, das viel Bein freilässt, tritt sie schließlich vor den roten Vorhang. „Lass mich in dein Leben, in deinem Herzenslabyrinth ist eine Tür, die zu dir führt.“ Sie singt einige ihrer Schlager-Klassiker zum Warmwerden, dann wird sie zur Jukebox, aus der alles kommt, was man sich nur wünscht. Mal sind es Musical-Songs, dann russische Folklore mit wodkaschwerer Seele, ein rasantes Queen-Medley, ein virtuelles Duett mit dem amerikanischen Weltstar Michael Bolton, der von zwei riesigen Leinwänden aufs Publikum blickt, und schließlich röhrt aus der Fischer „Poker Face“ von Lady Gaga.

Spätestens an dieser Stelle entpuppt sich das angekündigte Schlagerkonzert als gezielter Etikettenschwindel, aber das ist dem Publikum nun völlig egal. Und für Helene Fischer hat es sich ausgezahlt, dass die Eltern, Russlanddeutsche, ihre Tochter zur Ballettschule schickten, damit sie lernte, was Haltung heißt. Und sich später von dem Wunsch der 16-Jährigen erweichen ließen, eine dreijährige Musical-Ausbildung zu absolvieren. Showgirl sein, das hat sie gelernt.

Selbst als der dumpfe Beat der Lady-Gaga-Nummer laut durch die Halle dröhnt, springen die Leute von ihren Holzstühlen und klatschen zum wummernden Takt. Danach atmet das Publikum tief durch wie nach einer Achterbahnfahrt, in der es herrlich im Bauch gekribbelt hat. Wenn die Zuschauer als Einheit sprechen könnten, sie würden wohl sagen: Mach jetzt mit uns, was du willst.

Vielleicht liegt hierin ihre Kunst: Einfach da sein und andere berühren. Bisher galt die Schlagerbranche als streng zielgruppenorientiert. Darin, sagen Künstler, die aus der Pop-Branche stammen, liege auch die besondere Professionalität des Schlagergeschäfts. Sänger, die es geschafft haben, sich in diesem Business zu etablieren, bleiben oft jahrelang erfolgreich. Roberto Blanco, Maria Hellwig, die Kastelruther Spatzen oder auch Andrea Berg sind Ikonen in ihren Milieus und verdienen viel Geld. Fischers Versuch, sich über diese Schlagergrenzen hinauszubewegen, ist deshalb auch ein Wagnis. Der Schlager- und Volksmusikbereich ist im Vergleich zum Rest der Branche zwar klein, aber stabil. Der Umsatzanteil verändert sich kaum. Bei der Volksmusik liegt er bei knapp zwei, beim Schlager seit 2006 konstant bei fünf Prozent.

Letztlich geht es immer ums Geschäft, aber ohne Glaubwürdigkeit ist kein Geschäft zu machen. Das ist im Pop so und im Schlager auch. Oben in der Garderobe hatte Helene Fischer noch gesagt: „Als Popsängerin wäre ich ein anderes Idol, egal, was ich machen würde, die Fans würden es auch tun. Ich habe aber mein Publikum, und vielleicht bin ich näher bei den Leuten als im Popgeschäft. Das ist meine Verantwortung.“

Gleich ist Schluss. Die Fans rennen nach vorne und tanzen vor der Bühne. Viele Pärchen sind im Saal, schwul und hetero, jung und alt. Gekommen sind Behinderte, Eltern mit ihren Kindern, feinere Herren im Anzug, Frauen auf Kegeltour und junge betrunkene Männer vom Land. Es wird nicht gepöbelt, nur geschunkelt. Später warten die Fans bei Bier, Sekt und Brezeln auf die Autogramme, die Helene Fischer bis nachts um halb eins schreiben wird. Ehemänner zücken Digitalkameras und schielen dahinter verstohlen zur jungen Künstlerin hinüber. Ihre Frauen finden „die Helene irgendwie sympathisch, so natürlich, aber ganz schön klein“.

Am Ende der Show, als alle Zugaben gespielt sind und der Rosenblätter-Regen über die Köpfe der Zuschauer niedergegangen ist, hält Helene Fischer eine kurze Rede. Sie ist jetzt allein auf der Bühne. In diesen Zeiten, in denen es doch vor allem um die Umwelt gehe, ruft sie, solle bitte jeder etwas dafür tun, um sie zu bewahren. Manchmal sei Musik wirksamer als alle Verhandlungstische. Dann intoniert sie ohne musikalische Begleitung „What a wonderful world“ von Louis Armstrong. Im Publikum weinen Leute.

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