Zeitung Heute : Von null auf tausend

Die Aktien fallen, doch die zeitgenössische Kunst steigt im Wert. Ein Preisvergleich zur heutigen Eröffnung des Art Forums Berlin

Katrin Wittneven

Jahrelang war die aus über 1000 Einzelfotos bestehende Bildercollage vergessen. Die Bodenarbeit von Martin Kippenberger wurde sogar mit Füßen getreten, schließlich befand sie sich verborgen unter einem Holzfußboden in einem Kreuzberger Loft. Ihre Entstehung liegt fast dreißig Jahre zurück: Mitte der Siebzigerjahre hatte die Berliner Modedesignerin Claudia Skoda den anfangzwanzigjährigen Künstler eingeladen, für eine Modenschau den Fußboden ihres Ateliers zu gestalten. Später kam dann der zweite Boden über die Fotocollage, eine Wohngemeinschaft zog ein, und die rund zwölf mal vier Meter große Installation geriet in Vergessenheit.

Auf dem achten Art Forum Berlin ist das lang verborgene Frühwerk Martin Kippenbergers am Stand der Galerie Kicken zu besichtigen. Der Berliner Galerist konnte um Haaresbreite die Renovierung des Lofts und die Zerstörung des verborgenen Schatzes aufschieben und mit Hilfe von Spezialisten die über 1000 Fotos ablösen, um die Installation restaurieren zu lassen. Der Aufwand wird sich für den auf Fotografie spezialisierten Galeristen lohnen, denn inzwischen ist Kippenberger ein Star. Speziell in diesem Jahr wurde der 1997 verstorbene Maler, Bildhauer, Provokateur, Vordenker und Lehrer mit großen Retrospektiven gefeiert – bis hin zur Biennale in Venedig, wo Kippenberger im Deutschen Pavillon zu sehen ist. Die Collage und ihre Wiederentdeckung machen die Relativität von Kunst deutlich, meint Kicken: „Für denjenigen, der den Auftrag zur Renovierung hat und mit dem Presslufthammer kommt, hat sie keine Bedeutung. Für die Kulturgeschichte dieser Stadt ist die Tragweite enorm.“ Sie sagt aber auch etwas über Wertsteigerung: Der Preis der Installation liegt jetzt bei über einer halben Million Euro.

Die Preisentwicklung bei Kippenberger ist ein Paradebeispiel dafür, welche Gewinne im Bereich der Gegenwartskunst möglich sind. Viele der Galeristen, die seit dem ersten Art Forum vor sieben Jahren die Berliner Kunstmesse besuchen, kennen Beispiele für positive Preisentwicklungen: Der Kunsthändler Christian Nagel etwa, der Galerieräume in Köln und Berlin hat, bestätigt die Wertsteigerung bei Kippenberger. Gemälde, die er in den ersten Jahren auf der Berliner Messe für 50 000 Mark verkauft hat, kosten heute zwischen 150 000 und 200 000 Euro. Eine gemeinsam entstandene Installation von Kai Althoff und Cosima von Bonin, die 1996 einen Preis von 15 000 Mark hatte, würde Nagel heute für 40 000 Euro anbieten. Gleiches gilt für die Fotografie: Zusammen mit Kippenbergers Installation sind im Deutschen Pavillon Architekturansichten von Candida Höfer ausgestellt. Auf der Berliner Messe sind ihre Fotos am Stand der Galerie Karlheinz Meyer aus Karlsruhe zu sehen. Die Preise haben sich seit dem ersten Art Forum verdoppelt, berichtet der Kunsthändler. Für Großformate müsse man jetzt 18 000 Euro investieren, kleine Arbeiten lägen bei 8000 Euro. Doch selbst wer erst jetzt einsteigt, hat wenig zu befürchten, meint Meyer, denn „die Preise für Fotografie auf diesem Niveau sind so stabil, dass es zu dem Preis, zu dem es gekauft worden ist, auf jeden Fall wieder weiterverkauft werden kann“. Bei manchem ist die Nachfrage sogar so groß, dass der Handel nicht mehr hinterherkommt. Die Nachtbilder von Thomas Ruff etwa, die auf der Dokumenta 9 zu sehen waren und in einem der ersten Messejahre am Stand der Galerie Helga de Alvear aus Madrid für 25 000 Mark verkauft wurden, sind heute kaum noch zu bekommen. Das rare Angebot bestimmt den Preis: Innerhalb weniger Jahre hat sich ihr Wert vervierfacht.

„Der Sieger bekommt alles“, so bringt Thomas Röbke in seinem Buch „Kunst und Arbeit“ das Prinzip des Kunstmarktes auf eine kurze Formel. Denn, darüber können auch die positiven Beispiele nicht hinwegtäuschen, es gibt ohne Frage unter den Künstlern viel mehr Verlierer als Gewinner. Auch unter den Galeristen. Die hohe Fluktuation einer Messe wie dem Art Forum gibt davon Zeugnis. Doch die Bedeutung von zeitgenössischer Kunst und deren Wert haben in den letzten Jahren enorm zugenommen. Die großen Auktionshäuser haben sich nicht ohne Grund mit Sonderauktionen verstärkt diesem Segment zugewandt. Auch die Art Basel hat sich in den vergangenen fünf Jahren der Gegenwartskunst geöffnet. Neue Messen wie die Art Basel Miami oder die Londoner Frieze setzen wie das Art Forum gleich ganz auf den zeitgenössischen Markt. Und selbst der „Kunstkompass“, mit dem die Zeitschrift „Capital“ einmal jährlich eine Rangliste der „100 Größten“ erstellt, verzeichnet inzwischen elf Künstler unter vierzig Jahren. Ein Viertel der Künstler ist unter 45.

Auf Platz 29 steht der Berliner Künstler Olafur Eliasson. Sein Beispiel zeigt, dass Gutes immer noch bezahlbar ist, wenn es nicht allein um die Aura des Originals geht. Auf dem Art Forum präsentiert die Galerie und hochwertige Druckwerkstatt Niels Borch Jensen eine neue Edition mit einer 36er-Auflage. „Atlantis“ heißt die Fotogravüre, die im letzten Winter vor seinem Atelier entstand. Der Preis ist mit 1800 Euro nicht zu hoch gegriffen, obwohl 1996 eine kleinere Fotogravüre Eliassons noch für 500 Mark zu erwerben war. Gerade Auflagenkunst bietet Kunstsammlern einen relativ günstigen Einstieg. Wer mehr riskieren möchte, braucht vor allem kompetente Beratung. Denn, das zeigen die Beispiele der Galeristen, je früher man dabei ist, desto größer die Gewinnspanne.

Gerd Harry Lybke von der Galerie Eigen + Art (Berlin/Leipzig) meint: „Es ist natürlich ein höheres Risiko, in noch unbekannte Kunst zu investieren, aber es ist günstiger und macht mehr Spaß.“ Wie viele seiner Kollegen setzt er bei seinem Galerieprogramm auf eine Mischkalkulation. Neben Neo Rauch, für dessen Werke sich in den letzten fünf Jahren die Preise mindestens verdoppelt haben, eine große Leinwand kostet inzwischen 110 000 Euro, vertritt er jüngere Maler wie Tim Eitel, dessen Arbeiten vor drei Jahren 800 Euro gekostet haben, heute 2000 Euro. Lybke wirbt damit auch für jüngere Kollegen. Denn 27 Prozent der Galerien präsentieren in diesem Jahr ihr Programm das erste Mal in Berlin. Preisgarantien wird man hier nicht bekommen. Aber eine gute Gelegenheit, sich einen Überblick auf einem wachsenden Markt zu verschaffen, Informationen zu sammeln und Leidenschaften zu entwickeln. Denn fern aller Preisentwicklung kann Kunst vor allem auch zu einer Herzensangelegenheit werden. Wie heißt es bei Goethe? Sammler sind glückliche Menschen. Auf zum achten Art Forum!

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