Zeitung Heute : Von oben herabschauen

Dorothee Nolte

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Es ging ganz schnell. Im Nu waren wir oben und Berlin lag uns zu Füßen, ein strahlend blauer Wintertag mit Lietzensee und Siegessäule. Die Autos auf der Autobahn tuckerten klein und gemütlich um die Kurven, auf dem Teufelsbergchen ließen Zwerge ihre Drachen steigen, und in uns wuchs ein Gefühl der Überlegenheit: ihr da unten, wir hier oben, Funkturm! Nur Klein-Lucas war verunsichert und rief vorsorglich „Hefe!“ (Hilfe), Timmys Nase dagegen klebte an der Glasscheibe: „Da hinten“, sagte er und zeigte nach Norden, „liegt Afrika.“

Es geht so schnell: Das sagte kürzlich ein erfahrener Vater zu mir, das sagen alle Eltern älterer Kinder – sie geht so schnell vorbei, die Zeit mit kleinen Kindern. Von einem späteren Lebensstandpunkt aus gesehen muss einem diese chaotische, übervolle Phase so weit weg, begrenzt und übersichtlich erscheinen wie der Bezirk Charlottenburg vom Funkturm aus. Und dann vermisst man sie: Den kleinen Mann, der im Schlafsack ans elterliche Bett trappelt; den Zweijährigen, der auf die Frage, wo sein Handschuh sei, antwortet: „Weg. Arbeit!“ und mich mit einem energischen „Schlaf gut!“ vertreibt, wenn ich ihn beim Spielen störe. Der jeden Morgen den Aufzug persönlich begrüßt („Auftuut! Wo biessssu?“) und der U-Bahn – „Tschüss Uwahn“ - hinterherwinkt, als handele es sich um die letzte ihres Schlags. Der sich im Spiegel betrachtet und ergriffen „süüß“ haucht, weil seine Eltern ihn bisweilen so albern anstaunen. Zweijährige sind Menschen in ihrer freiesten Form, frei von Konventionen, Zwängen, Rücksichten, es mangelt ihnen auf das Ulkigste an Bewusstsein. Überschreiten die Kinder dagegen die drei oder vier, sind ihre Eltern wieder verbannt aus dem Reich der kleinen Nonkonformisten und Trotzköpfchen. Die Zeit, in der „die Kinder klein waren“, geht zu Ende, ein besonderer Zauber ist für immer dahin.

Der Blick vom Funkturm aus hat eine klärende Wirkung auf den Geist, vergleichbar einem Besuch beim Psychotherapeuten oder einem Spaziergang an der Ostsee. Ich blickte nach Norden und erkannte: Im Laufe dieses Jahres wird der Große in die Schule kommen. Der Kleine wird drei. Und ganz weit hinten liegt Afrika.

Funkturm, Telefon 30 38 29 96, Eintritt vier Euro für Erwachsene, zwei Euro für Kinder.

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