Zeitung Heute : Von Osterglocke bis Engelsträne

Narzissen haben viele Gesichter – jährlich kommen bis zu 200 Neuheiten dazu

Helga Panten

Für viele Menschen ist die Gliederung einfach: Osterglocken, das sind die gelben Blumen mit Trompete. Narzissen dagegen tragen weiße, flache Blüten. Aber dann steht da im Gartencenter das Heer blühender Töpfe, und die wollen so gar nicht in das Schema passen. Geblüht wird in allen Nuancen von Weiß und Gelb, untermischt mit Orange, Rot und manchmal sogar Rosa. Mal tragen sie kurze, mal lange Trompeten, dann wieder winzige Krönchen und Schalen.

Alle zählen zur Gattung Narcissus. Botaniker machen keinen Unterschied zwischen Narzisse und Osterglocke. Dafür unterscheiden sie rund 85 verschiedene Arten. Die meisten wachsen rund ums Mittelmeer. Und da sie sich gern und leicht miteinander kreuzen, gibt es bereits in der Natur eine erstaunliche Formenfülle. Aus ihr schufen die Züchter die kaum überschaubare Zahl von knapp 29 000 Sorten, die heute im „International Daffodil Register“, dem Narzissen-Register, aufgeführt sind. Jährlich kommen bis zu 200 Neuheiten dazu. Klarheit in die Sortenflut bringt die Zuordnung zu verschiedenen Gruppen. Da sich darin auch die Abstammung widerspiegelt – und damit der Blütezeitpunkt und die Standortansprüche – sind die Gruppen auch für den Gartenbesitzer hilfreich.

Die Gruppe der Alpenveilchen-Narzissen eröffnet den Reigen bereits im März. Den Namen bekam die Stammmutter Narcissus cyclamineus, weil sie die sechs Blütenblättchen ihrer Hauptkrone straff nach hinten klappt – so wie ein Alpenveilchen. ,Peeping Tom‘ und ,Jetfire‘ zeigen dieses Erbe deutlich. Cyclamineus-Sorten wirken wie Miniaturausgaben der Gartennarzissen. Sie werden gern in Töpfen vorgetrieben. Zierlich wie sie sind, passen sie gut in den Steingarten. Wohl fühlen sie sich aber nur da, wo der Boden auch im Sommer einen Rest Feuchtigkeit bietet.

Die „frühen Kleinen“ reichen die Stafette im April an die großblütigen Gartennarzissen weiter, bei deren Entstehen die heimische Narcissus pseudonarcissus die wichtigste Rolle gespielt hat. Sie tragen immer nur eine Blüte pro Stiel, sind unkompliziert, gedeihen in jedem lehmhaltigen, fruchtbaren Gartenboden in voller Sonne oder lichtem Schatten. Gegliedert wird nach dem Verhältnis der sechs äußeren Blütenblätter, der Hauptkrone, zur inneren Nebenkrone, und zwar in:

– Trompetennarzissen, zu denen die typischen Osterglocken mit ihrer langen Trompete wie die goldgelbe ,Dutchmaster‘ zählen.

– Großkronige Narzissen mit kurzer Trompete oder Schale. Die goldgelbe ,Carlton‘ und die zarte ,Passionae‘ mit einem rosa Nebenkrönchen vor weißen Hintergrund gehören dazu.

– Kleinkronige Narzissen, die weiß mit flachem, rotem oder gelb-rotem „Tellerchen“ blühen. ,Barret Browning‘ ist hier die bekannteste Sorte.

Neigen die dicken Gartennarzissen sich dem Ende zu, beginnt die Zeit der Tazetten, also der Nachkommen von Narcissus tazetta. Die mehrblütigen, duftenden Narzissen sind leider etwas empfindlich, daher werden Sorten wie die gefüllten ,Cheerfulness‘ und ,Yellow Cheerfulness‘ meist vorgetrieben im Topf angeboten. Es gibt aber auch recht harte Sorten, die es mit etwas Schutz im Garten aushalten. Die zarte, weiß-gelbe ,Minnow‘, die gelb-orange ,Scarlett Gem‘ und ,Geranium‘ gehören dazu.

Die Nachkommen von Narcissus poeticus öffnen meist erst Ende April oder Anfang Mai ihre klaren, stark duftenden Blüten. Schon seit langem dominiert die Sorte ,Acta‘ mit rund geformter, schneeweißer Hauptkrone und dem winzigen „Auge“ in Gelb mit rotem Saum. Zwar existieren andere Sorten wie ,Cantabile‘ oder ,Torr Head‘ , die in Irland gezüchtet wurden. Sie zu bekommen, ist aber schwierig. Am schönsten sehen Dichternarzissen aus, wenn sie in eine Wiese eingestreut werden. Sie verlangen dann aber ein entsprechend spätes Mähen, damit das Laub einziehen kann. Daher ist behutsames Einbinden in eine Staudenpflanzung meist sinnvoller.

Den Schluss der Narzissenblüte teilen sich die Abkömmlinge der Engelstränen-Narzisse (Narzissus triandrus) und die Jonquillen, die von Narcissus jonquilla abstammen. Charakteristisch für die Triandrus-Narzissen ist das kleine, tassenförmige Nebenkrönchen, das wie eine Träne an den sechs „Wimpern“ der Hauptkrone zu hängen scheint. In der Regel trägt jeder Stängel mehrere nicht duftende Blüten. Die blass-gelbe ,Hawera‘ spielt eine wichtige Rolle im Sortiment. Hübsch sind aber auch die schneeweiße ,Petrel‘ oder ,Lapwing‘ mit gelbem Tränchen an weißen Wimpern.

Die Jonquillen, deren Name sich aufgrund des binsenartigen Laubs von juncus, auf deutsch: Binse, ableitet, bringen noch einmal strahlendes Gelb in den Garten. Sorten wie ,Quail‘, ,Baby Moon‘ oder ,Pipit‘ tragen meist drei stark duftende Blüten pro Stängel. Ein warmer sonniger Standort ist ihnen am liebsten. Dort verlängern sie die Narzissen-Saison bis in den Juni. Danach heißt es warten bis zum Saisonbeginn im nächsten März.dpa

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