Zeitung Heute : Von Pforzheim bis Basel: Immer der roten Raute nach

Willy Storck

Wenn es losgeht am "Kupferhammer" am östlichen Rand von Pforzheim, liegen vor dem wackeren Wanderer, der die gesamte Strecke bewältigen will, satte 285 Kilometer in elf Etappen, wenn er die östliche Route wählt. Denn vom Feldberg aus gibt es zwei Möglichkeiten, mit der roten Raute auf weißem Grund nach Basel zu kommen. Das heißt, genau genommen sind es nur 284,5, aber darauf kommt es dann wirklich nicht mehr an. Der Schnack von den "qualmenden Socken" kommt einem in den Sinn, vor allem wenn man an die "Königsetappe" von der Alexanderschanze an der Schwarzwaldhochstraße bis Hausach im Kinzigtal denkt. Die ist mit 34,5 Kilometern die längste.

Echte Ritter vom "Schusters Rappen"-Orden wissen jetzt schon, wovon die Rede ist: Vom Schwarzwald-Westweg, dem "prominentesten" der drei Nord-Süd-Fernwanderwege im südwestlichsten Mittelgebirge Deutschlands und unter allen Fürbass-Fernrouten Deutschlands vermutlich die meistbegangene überhaupt. Allenfalls der Rennsteig im Thüringer Wald dürfte da noch mithalten können. Wie viele "Wanderprofis" und Gelegenheitswanderer alljährlich zwischen Pforzheim im Nordschwarzwald und Basel am deutsch-schweizerischen Rheinknie unterwegs sind, kann allerdings nicht einmal Karlheinz Abt, der Hauptgeschäftsführer des Schwarzwaldvereins, auch nur annähernd sagen. Wandern kann schließlich jeder unangemeldet und viele nehmen sich halt mal diese oder jene Etappe vor. Die ganze Strecke? Das braucht Zeit und erhebliche Fitness und auch Abt, der durchaus schlank und sportlich daher kommt, räumt ein, den ganzen Westweg noch nicht unter den Füßen gehabt zu haben.

Der Westweg und der Schwarzwaldverein, der immerhin 23 000 Kilometer markierte Wanderwege mit zahlreichen meist ehrenamtlich tätigen Mitgliedern betreut, sind untrennbar miteinander verbunden. Und da in diesem Jahr der Westweg hundert Jahre alt wird, kann schon von einem Anlass zum Feiern gesprochen werden. Das will man sich auch nicht dadurch verdrießen lassen, dass der noch all zu gut erinnerliche Orkan "Lothar" Ende vergangenen Jahres auch im Schwarzwald vielerorts echte Zeichen gesetzt hat, mit deren Folgen Forstleute, Kurverwaltungen und eben auch der Schwarzwaldverein noch eine ganze Weile zu kämpfen haben werden. Zwar sind die Auswirkungen auf die Gesamtfläche bei weitem nicht so schlimm, wie teilweise dargestellt, aber mancherorts wurden eben doch ganze Hänge und Waldbezirke flachgelegt. Das blieb - insbesondere im nördlichen und mittleren Schwarzwald - auch auf die Wege nicht ohne Wirkung, mit den Bäumen wurden auch viele Markierungen weggefegt. Laut Abt ist der Schaden für den Gebietsverein enorm.

Und das gerade zu diesem Zeitpunkt! Aber Jubiläum ist nun einmal Jubiläum und im vom Fremdenverkehr nicht unwesentlich lebenden Schwarzwald gibt es da in punkto "Westweg" natürlich für alle in unmittelbarer oder auch nur mittelbarer Nähe seit längerem eine gewisse Fixierung. Den einen oder anderen Umweg musste man Im Frühjahr noch in Kauf nehmen, weil viel umgestürztes Holz im Wald lag, und Wanderer waren nicht eben beglückt, selbst an Sonntagen von kreischenden Sägen im Wald begleitet zu werden. Das ist vorbei. Aber schließlich galt es auch, einer drohenden Borkenkäfer-Plage so gut wie möglich vorzubauen. Der Schädling mag besonders die Fichte, die erst im 19. Jahrhundert im Zuge der Aufforstung so recht ein Leitbaum im Schwarzwald geworden ist und sich als Flachwurzler immer wieder als besonders windanfällig erweist. Eins hat "Lothar" aber auch geschafft: Er hat neue Aussichtspunkte geschaffen, die der Schwarzwaldverein ja ohnehin schon mal eingefordert hatte. Und das ohne Mensch und Maschine.

Blechmarken

Die Mitglieder der Höhenwegskommission des Schwarzwaldvereins, die 1900 den Westweg als ersten deutschen Fernwanderweg durchgängig markierte, werden nicht davon ausgegangen sein, dass sie damit eine Art "Pilotprojekt" schufen, das Vorbild für andere Fernwege sein sollte. Am 20. November jenes Jahres meldeten Philipp Bussemer, an den auf der Strecke ein Gedenkstein erinnert, und Julius Kaufmann dem damaligen Vereinspräsidenten Ludwig Neumann den Abschluss von "Erkundung und Vormarkierung". Es muss ein mühseliges Unterfangen gewesen sein. Für die Streckenführung wurden vor allem örtlich markierte Wege genutzt sowie traditionelle Ortsverbindungswege, die Wirtschaftswege mit den noch vom Mittelalter her vorhandenen Gebirgsübergängen sowie die Grenzwege entlang von Gemarkungs- und Landesgrenzen (hie Baden, da Württemberg!). Markiert wurde damals mit Blechmarken, die aber bald schon durch die noch heute gebräuchliche rote Raute ersetzt wurden.

Der Streckenführung von damals entspricht der Schwarzwald-Westweg heute nicht mehr ganz. Dafür sorgte schon im Zuge der Motorisierung der Straßenbau. Mehrfach musste deswegen die Wegführung verändert werden: Bereits in den 20er Jahren klagten Wanderer über den "zunehmenden Automobilverkehr, der das Wandern zur Tortur mache". Verständlich: Wer wandert schon gern in Staubwolken, und asphaltierte Straßen waren seinerzeit im Schwarzwald selten. Auch der Bau der Schwarzwaldhochstraße von Baden-Baden nach Freudenstadt, heute insbesondere an schönen Wochenenden oder bei guter Schneesituation eine der Hauptverkehrsadern, erzwang Routenänderungen.

Grundsätzlich freilich basiert der Westweg immer noch auf der von Bussemer und Kaufmann damals ausgearbeiteten Strecke. Und damit erschließt er nach wie vor ganz wesentliche Punkte der von Nord nach Süd durchaus unterschiedlichen Schwarzwaldlandschaften. Nord-, Mittel- und Südschwarzwald weisen topografisch und geologisch durchaus unterschiedliche Erscheinungsformen auf, auch die landschaftlichen Bilder vom eher dicht bewaldeten Nordschwarzwald bis zu den lichteren Höhen im Süden mit dem Feldberg als höchstem Gipfel (1493 Meter über dem Meeresspiegel) wechseln. Für jene, die nicht nur "Kilometer fressen" wollen, sondern den Blick auch vom Weg abschweifen lassen, kann das - mal ganz abgesehen von der Aussicht von der Schwarzwaldhochstraße über die Rheinebene bis Straßburg oder vom Feldberg zu den Alpen, klare Sicht immer vorausgesetzt - sehr reizvoll sein. Wobei Westweg-Kenner vor allem den frühen Herbst empfehlen, aber das kann sich nicht jeder aussuchen.

Es ist, wie gesagt, ein weiter Weg von Pforzheim nach Basel, ganz gleich ob man - wenn man die "Schwanner Warte", den Schliffkopf, die Kinzigtalsenke und die Kalte Herberge hinter sich gebracht hat - ab Bärental die westliche und gering kürzere über Notschrei, Wiedener Eck und Kandern wählt oder die östliche über das Herzogenhorn (auch über 1400 Meter hoch) wählt. In Basel wird man stolz sein können, die Füße pflegen und versuchen, den Dialekt zu verstehen.

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