Zeitung Heute : Von rechten und richtigen Pfaden

Er sei kein Seelsorger, sondern nur Manager, sagen manche über Wolfgang Huber. Doch genau das braucht die evangelische Kirche

Claudia Keller[Magdeburg]

Geistliche sind Möglichkeitsmenschen. Sie haben viel mit Luftigem zu tun, womit die anderen, die Wirklichkeitsmenschen, oft nichts anfangen können. Bei denen punkten Pfarrer, wenn sie Gott einen guten Mann sein lassen und mit rundem Bauch und roter Nase ein deutliches Bekenntnis zu weltlichen Genüssen abgeben. Bischof Wolfgang Huber passt da nicht ins Bild.

Schon äußerlich nicht, wie er trotz seiner 62 Jahre asketisch und jungenhaft mit wehenden Jackettschößen und federndem Schritt durch das Magdeburger Hotel Maritim eilt, von Sitzung zu Sitzung, von Interview zu Interview. Das Hotel glitzert, überall in der Empfangshalle stehen Tischchen mit Messingfüßen herum, es gibt Sitzecken mit Ledersofas und einen Plüschteppichboden. Hier im Haus findet seit Sonntag das wichtigste Ereignis im evangelischen Kirchenjahr statt. Das Kirchenparlament, die Synode, tagt.

Wenn Huber auf der Kanzel steht oder hier im Tagungssaal auf dem Podium, spricht er oft von dem, was viele nicht durchschauen, von der Gentechnik und Hartz IV, von der EU-Verfassung und der Gesundheitsreform, genauso brillant und klar, als gehe es um Jesus’ Auftritt im Tempel. Huber sei kein Seelsorger, sondern ein Manager, heißt es immer wieder vorwurfsvoll. Aber gerade deshalb ist er jetzt der richtige Mann zur richtigen Zeit an der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland. Denn eine Organisation mit 26 Millionen Protestanten, 23 Landeskirchen, Dutzenden von größeren und kleinen Einrichtungen zu leiten – die evangelische Kirche ist nach dem Staat der größte Arbeitgeber im Land – das ist nicht zu vergleichen mit einer Pfarrei, schon eher mit einem Wirtschaftsimperium. Das Imperium hat Geldsorgen und muss sich neu ausrichten. Da helfen fromme Wünsche, Bibelsprüche und Gemütlichkeit nicht weiter. Aber die Fähigkeit, hinter den Dingen zu sehen, was möglich sein könnte und sich nicht mit der Wirklichkeit abzufinden.

Das hat die Synode vor einem Jahr erkannt und Huber dann doch zum Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland gewählt. Sein erstes Amtsjahr ist vorüber, und die 120 Kirchenparlamentarier haben ihm jetzt auf der Magdeburger Synode mit langem Applaus gezeigt, dass sie mit seiner Arbeit mehr als zufrieden sind. Huber ist nach vorne geprescht wie schon lange kein Protestant mehr, hat die Republik mit seinen Kommentaren, Warnungen und Appellen zu allen politisch brisanten Themen überzogen und scheute sich auch nicht, im Arbeitsamt direkt nachzuschauen, ob die Reformen eigentlich für die Menschen da sind oder umgekehrt. So hat er zumindest kirchenintern geschafft, was viele ihm nicht zugetraut hatten: alle auf seine Seite zu ziehen und ein neues Bild von einem Protestanten zu etablieren.

Auf den Fluren des Hotels wollte er deshalb gar nicht mehr aufhören zu lächeln und zu strahlen. So muss er auch ausgesehen haben, als er merkte, dass seine Pfadfinder begriffen hatten, was im Römerbrief steckt. Denn anders als viele Kirchenmänner übte Huber das christlich Fromme nicht im großbürgerlichen Haushalt seiner Eltern ein, sondern beim Fähnlein Fieselschweif. Er habe eine christliche Pfadfindergruppe geleitet, und na ja, da habe er sich auf einmal Gedanken machen müssen, was er denen eigentlich erzählt über die Bibel, sagt Huber. Er sitzt jetzt auf einem Sessel in einer Suite des Hotels, er schlägt die Beine übereinander und nippt kurz am Wasserglas.

Von Anfang an war die Beschäftigung mit dem Evangelium für Huber nichts, was nur ihn selbst anging, sondern es hatte mit einer Gruppe zu tun, die er zu etwas hinführen wollte. Ein Religionslehrer hat ihm dabei geholfen. Dieser Religionslehrer sei es auch gewesen, sagt Huber, der ihn mit den Schriften von Karl Barth bekannt machte, jenem Schweizer Theologen, für den nicht der Mensch von sich aus zu Gott gelangen kann, so sehr er sich auch bemüht, sondern dem sich Gott offenbart. Unter dem Einfluss von Karl Barth wandte sich eine Gruppe von evangelischen Pfarrern, die Bekennende Kirche, in den 30er Jahren gegen das nationalsozialistische Regime.

Barths Texte müssen irgendwo in Hubers Kopf eine Tür geöffnet haben, ein Scheunentor. Hier war einer, der vorlebte, wie gut sich Theologie mit politischem Engagement versteht – und der sich vom Nationalsozialismus distanziert hatte, anders als Hubers Vater Ernst Rudolf, ein renommierter Staatsrechtler, der wegen der zeitweiligen Nähe zum NS-Regime erst 1952 wieder einen Lehrauftrag erhielt. Ein langjähriger Freund vermutet sogar, dass Huber unterschwellig deshalb nach einem öffentlichen Amt strebte, weil er dem Familiennamen wieder einen Glanz verleihen wollte. Das nötige Selbstvertrauen dafür bekam Huber, dessen Großvater mütterlicherseits, Walter Simons, Außenminister der Weimarer Republik war, wohl in die Wiege gelegt. Auch die Disziplin und der Gedanke, dass Leistung etwas Selbstverständliches ist. Er war das Jüngste von fünf Kindern und musste sich besonders anstrengen. Einmal habe er das Weihnachtsevangelium auswendig gelernt, nicht weil er so fromm war, sondern weil er es den Großen zeigen wollte. Noch heute kann er es aufsagen.

Während die Synodalen im großen Sitzungssaal des Hotels ihre Einwände und Ergänzungen zum Thema „Generationengerechtigkeit“ einbringen, gespickt mit detaillierten Schilderungen aus ihrem Privatleben, schreibt Huber unten im Saal am Laptop die Antragsentwürfe für die Ausschüsse am nächsten Tag, geht nochmal den Haushalt für 2005 durch und beantwortet Dienstpost. Dann springt er auf, nimmt die zwei Stufen zum Podium auf einmal und legt los: 20 Minuten lang geht er auf all das ein, was die Redner in den vergangenen zwei Stunden bemängelt, gefragt und angeregt haben, von der Jugendarbeit über die theologischen Hochschulen bis hin zu Privatschulen und christlichen Fundamentalisten. Ohne Notizen bündelt er und macht aus dem Stegreif einen klar strukturierten Vortrag daraus. Haben Sie das eben gehört?, fragt ein Synodaler danach, das ist perfekt, wie der das kann. Wir lieben Menschen aber wegen ihrer Schwächen, sagt ein anderer, ihre Stärken machen uns Angst.

Natürlich ist auch bei Wolfgang Huber nicht alles perfekt, natürlich gibt es nicht nur den Bischof, sondern auch den Privatmann Huber. Aber den versteckt er. Wenn man ihn nach seinem Privatleben fragt und er von der Zeit mit seiner Frau Kara erzählt, dann wird seine Stimme auf einmal ganz leise, so als möchte er einem das nur zuflüstern. So ist es auch mit seiner ganz persönlichen Beziehung zu Gott. Aus dem Glauben ziehe er viel Kraft und versenke sich ins Gebet, sagt er. Wie, wann und wo, ist Privatsache.

Huber hält Distanz, er ist nicht der Typ, der einen um den Hals fallen würde. Er schont einen, sagt ein Freund, viel Privates könne auch eine Zumutung sein. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett hat einmal beschrieben, dass Distanz eine Kulturtechnik ist, die umso wichtiger ist, je unterschiedlicher die Menschen sind, mit denen man zu tun hat. Denn in der Distanz drücke sich Respekt vor dem anderen aus. Und Distanz schafft auch Überblick.

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