Zeitung Heute : Von Tätowierern und Liedgut

Axel Vornbäumen über den wahren Patriotismus

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Die Vorrunde ist rum. 48 Spiele sind gespielt. Die Hälfte der Mannschaften musste schon nach Hause fahren. Es kann alles so schnell vorbei sein, nicht? Und heute geht’s gegen Schweden, Achtelfinale. Bitte, wir wollen durchaus nichts beschreien, aber da kann schnell was passieren. Und dann? Bleibt dann noch was, auch wenn wir nicht abreisen müssten, so wie all die anderen? Was bleibt dann vom Patriotismus, von unserem „Schwarz-Rot-Gold“-Gefühl? Ist es denn schon stabil genug?

Wir sind nach Hamburg gefahren, nachzuschauen, ob da schon mehr ist als gelegentliches Fahnenschwenken; zu überprüfen, ob der Patriotismus schon unter die Haut gegangen ist. Wir haben Günter getroffen, am Hamburger Berg, einer Seitenstraße der Reeperbahn. Günter ist Tätowierer in der ältesten Tätowierstube Deutschlands. Er hat uns geduzt, die ganze Zeit, weil man das so macht in seinem Gewerbe. Günter hat schon alles gesehen, was Männer- und Frauenkörper ziert. Nicht immer war es schön, so manchen Wunsch hat er abgelehnt, aber manchmal war auch er mit all seinen Argumenten am Ende. Einem jungen Mann musste er mal „Fuck the world“ zwischen die Schulterblätter tätowieren, und Günter hat sich gefragt, ob der Mann wohl eine Freundin finden wird, die sich mal mit ihm am Strand sehen lässt. Eher nicht.

Es hat Modetrends gegeben in all den Jahren, in denen Günter tätowiert. Als Pamela Anderson sich Stacheldraht um den Arm wickeln ließ, wollten plötzlich alle Stacheldraht. Guns ’n’ Roses setzten Maßstäbe mit ihren Schlangen und Röschen. Heute sind Strichcodes en vogue oder japanische Schriftzeichen. Dabei, regt sich Günter auf, sei es den meisten egal, was sie bedeuten. Auch Sarah Connor, die Sängerin, hat keine Ahnung, was die fünf Zeichen aussagen, die sie sich auf ihre Wirbelsäule hat stechen lassen, aber Connor hat ja auch den Text unserer Nationalhymne nicht richtig drauf gehabt. Damit sind wir beim Patriotismus angekommen. Gibt es schon erste Deutschlandfahnen auf der Haut, konturenscharf gestochene Bekenntnisse zu diesem, unserem Land? Günter schüttelt den Kopf. Nein, sagt er, noch nicht. Neulich war mal ein Türke da, der hat sich die Fahne machen lassen – und einen schönen Wolf dazu. Andere Nationen seien eben wesentlich patriotischer als die Deutschen.

Mag sein. Wir werden weitersuchen. Kreuz und quer in Deutschland. Rastlos und mit wachsender Erkenntnis, dass der Weg das Ziel ist, auch bei dieser WM.

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