Zeitung Heute : Von Tag zu Tag

Der Tagesspiegel

Von Stephan Wiehler

Das war schon ein Grauen, damals in der DDR. Das ging an der Grenze los:graue Uniformen, graue Gesichter, graue Fassaden, in den Geschäften ein graues Einerlei, nicht selten absolut unverkä ufliche Musterware. Grau-en-haft! Erst jetzt wissen wir, dahinter steckte die eiskalte Berechnung der SED-Propagandisten. Nur so fielen nämlich die roten Spruchbänder und die roten Fahnen richtig ins Auge. Man musste diese Partei einfach lieben, weil sie das Einzige war, das Farbe in den grauen Alltag brachte.

Bei den Nachfolgern der Realsozialisten zählt die rote Fahne inzwischen nicht mehr viel. Im Gegenteil:Diejenigen, die sie unbeirrt hochhalten, sollen gar nicht mehr so auffallen. Deshalb ist Buntes heute nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht.

Die PDS hat erkannt: Für den Sozialismus wirbt man am besten mit den grellen Mitteln der kapitalistischen Konsumkultur. Bei der Eroberung des Westens setzt Berlins Parteichef Stefan Liebich auf ein ganz neues Konzept von Parteibüros. Die neuen Geschäftsstellen sollen heraus aus ihren Verstecken im zweiten Hinterhof und zu „politisch-kulturellen Zentren“ der Parteiarbeit werden; mit einladenden Schaufenstern, auffälligen Schriftzügen, vielleicht sogar mit Rotlicht-Neonröhren. Im sozialistischen Showroom wird dem potenziellen Neuwähler dann mit Prollpop und griffigen Parolen ordentlich eingeheizt, bevor er begeistert zum PDS-Mitgliedsantrag greift.

Schade nur, dass diese neuen Geschäftsstellen nur im Westteil der Stadt geplant sind. Der Osten geht mal wieder grau aus.

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