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Der Tagesspiegel

Von Christian van Lessen

Wittenbergplatz: Nur paar Leute sitzen im U-Bahnabteil, nichts deutet darauf hin, dass eine schreckliche Fahrt bevorsteht. Einige Fahrgäste lesen, andere schauen neugierig in ihre Einkaufstüten oder dösen. Ein rührend friedliches Bild. Nur, als die Bahn anfährt, gibt es ein hässliches Geräusch. Einige blicken erschreckt. Als sie sehen, dass nur eine leere Bierdose kullert, sind sie beruhigt.

Augsburger Straße: Keiner ist zugestiegen, keiner ausgestiegen. Wieder kullert die Bierdose. Aber ein Mann, der bisher gedöst oder geschlafen hat,wirkt plötzlich wie von bösen Geistern gepackt. Er ist sturzbetrunken, fängt zu grölen an, fischt zwei Schnapsflaschen aus seiner Jacke. Schon hat er die Bierdose im Visier, schleudert sie mit den Füßen durchs Abteil. Die anderen sagen nichts, rücken aber heimlich aneinander.

Spichernstraße: Keiner steigt ein, zwei steigen aus. Der Betrunkene brüllt ins Abteil, beschimpft die Fahrgäste, stellt die Flaschen auf den Boden, versucht, Schnaps von der einen in die andere zu füllen. Fünf Fahrgäste sind noch im Abteil. Alle sind stumm. Ihre Blicke aber sagen: Was tun? Es ist schrecklich und gefährlich hier. Lohnt es, die Notbremse zu suchen, oder die Notsprechstelle?

Hohenzollernplatz: Keiner steigt ein, fast alle steigen aus. Sie steigen um ins Nachbarabteil. Nur einer bleibt im Gang torkelnd zurück. Und aus sicherem Abstand ist zu hören, wie er grölt und wütend gegen die Scheiben haut, wie ein wildes Tier.

Fehrbelliner Platz: Der Mann wankt aus dem Abteil, bleibt brüllend auf dem Bahnsteig zurück. Und die, die weiterfahren, grübeln vielleicht, ob ihre Flucht das Richtige war. Sie war zumindest der bequeme Ausweg. Keine beruhigende Erkenntnis.

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