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Der Tagesspiegel

Von Christian van Lessen

Es soll Berliner geben, die sich angesichts der düsteren Pleite-Schlagzeilen schon schämen, unterwegs im Land zu sein. Sie glauben, dass überall gemeckert und gelästert wird, wenn von Berlin die Rede ist, dass sich Posemuckel über die Metropole lustig macht. Aber es gibt aufmunternde Zeichen, dass es auch ganz anders gehen kann.

Beispielsweise in Bad Karlshafen, wie Berliner Reisende berichten. Da hatten sie, bei der Durchreise, kurz vor 14 Uhr, noch Platz in einer Pizzeria finden können, bevor der Wirt zur Mittagspause schließen wollte (Provinz!). Nur der Nachbartisch war noch besetzt, von einer Frau Ende Dreißig und ihren Töchtern, etwa sechs und zwölf Jahre alt.

Die Mutter erzählte, dass sie’s sehr langweilig fände im Ort, und die ältere Tochter bestätigte es freudig. Es sei alles ganz hübsch, aber auch eng und spießig. Dann sagte die Frau, sie träume oft von Berlin, würde gern dort wohnen, wenn sie einen Job fände. Ja, Berlin, das wäre was, aufregend, pulsierend, Großstadt eben. Sie müsste nur mal den Mut haben, sich irgendwo zu bewerben. Auch Köln könne sie sich als neue Heimat vorstellen.

Die Töchter meinten, sie sollten wegziehen. Berlin sei eine ganz tolle Idee. Auch Vati müsste natürlich mit, und Tante Silke, die hier versaure. Dann zahlte die Frau, und die drei verließen das Lokal und ließen beglückte und selbstbewusste Berliner zurück.

Was für eine sympathische Familie, sagten sie sich. Karlshafener Träume wärmten das Herz und versöhnten schnell wieder mit der eigenen Stadt: Die Frau hatte ja völlig Recht, sie sollte schnell umziehen, zumindest freie Wohnungen gibt es genug. Das mit Köln - das sollte sie schnell vergessen.

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