Zeitung Heute : Von Tag zu Tag

Der Tagesspiegel

Von Amory Burchard

„Woran denken Sie bei Ostern?“ fragt uns die Evangelische Kirche dieser Tage auf Werbeplakaten. Mia ist drei, kann noch nicht lesen und denkt schon ganz doll an den Osterhasen. „Guck mal, da ist Osterhasengras“, sagt sie, als wir nach dem Frühstück im Café die Wiener Straße runtergehen. Tatsächlich, mitten im Grünstreifen liegt ein dicker Büschel dieser feinen giftgrünen Papierstreifen, mit denen Plastiknester ausgekleidet werden. Sehnsüchtig streckt Mia ihre Händchen nach dem Gras aus. Nein, das dürfen wir nicht wegnehmen. Da wäre der Osterhase ganz traurig, wenn er es nicht wiederfindet, um ein paar Eier abzulegen. Außerdem wollen wir doch zum Kinderbauernhof.

Das Zauberwort wirkt. Mia trippelt weiter in den Görlitzer Park, ohne eine Szene zu machen. Wunderbarerweise warten dort neue, hasenmäßige Sensationen. Die Mutter eines kleinen Jungen gibt uns eine Möhre ab, um die Hasen zu füttern. Das kleine Kinderglück setzt sich fort, als wir zu den Schafen gehen. Eins kommt an den Zaun und lässt sich von Mia an der Nase streicheln. Aber jetzt hat Mias Mutter etwas entdeckt. Ein Hase ist los, hoppelt am Misthaufen vorbei in den Gemüsegarten. Wir gucken uns an, schreiten zur Tat: Zu Dritt drängen wir den Hasen in eine Zaunecke, ergreifen und übergeben ihn stolz den Leuten vom Kinderbauernhof. Aber vorher darf Mia das Häschen noch kraulen.

Und nun? Nach Hause, kommandiert das Kind. Auf dem Weg hat es eine Frage: „Mama, wann gehn wir wieder in die Kirche?“ Wie jetzt – Kirche? Einmal, vor Monaten, war Mia mit ihren Eltern da. Und nun, aus heiterem Himmel will sie wieder hin. Osterhasengras, Kinderbauernhof, Kindergottesdienst – da hat es Klick gemacht.

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