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Der Tagesspiegel

Von Bernd Matthies

Der moderne Mensch versichert sich seiner Existenz dadurch, dass er eine Müllspur hinter sich her zieht. Ich schmutze, also bin ich - das gilt universell. Zack! die Kippe auf die Gleise, rumms! den Kühlschrank in den Wald. Zu ändern ist das allenfalls durch rigorose Strafen wie in Singapur, aber das mögen wir hier zu Lande nicht so gern. Also zerfallen die kommunalen Müllbewältiger in zwei Lager: Die einen hängen an jeder Ecke Abfallbehälter auf, um es dem Bürger so bequem wie möglich zu machen, die anderen montieren alle Behälter ab, damit der Bürger erst im Müll erstickt und dann, angewidert von sich selbst, endlich die eigene Tonne nutzt. Das Ergebnis dieser konträren Philosophien: Gibt es Behälter, liegt der Müll auf der Straße, gibt es keine, liegt der Müll auf der Straße.

So viel zur Theorie. In der Praxis passiert zur Zeit in Berlin zweierlei: In Spandau werden die Behälter in den Grünanlagen abmontiert, um Entsorgungskosten zu sparen, während Reinickendorf am Schäfersee neue aufstellt, um Reinigungskosten zu sparen. (Siehe Seite 15.) Wer hat Recht? Eigentlich ist diese Ausgangssituation ideal: Ein Bezirk müsste ja nach einer Weile besser dastehen, nicht wahr?

In Wahrheit passiert Folgendes: Ungefähr im Jahr 2005 wird Spandau feststellen, dass der Müll in den Anlagen sich ohne Behälter unkontrolliert ausbreitet, während Reinickendorf konstatiert, die Leerung der vorhandenen Behälter sei einfach zu teuer. Vielleicht kommen die beiden Bezirke dann wenigstens auf die kostensparende Idee, die Reinickendorfer Tonnen nicht wegzuwerfen, sondern nach Spandau zu bringen, damit sie dort aufgestellt werden. So wäre wenigstens dieser Aspekt des Müllproblems gelöst.

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