Zeitung Heute : Von Tag zu Tag

Der Tagesspiegel

Von Bernd Matthies

Gibt es die Berliner Luft in Dosen noch? Nein? Schade: Sie war ein schönes Sinnbild für das Lebensgefühl der Einheimischen, für ihren unbedingten Willen, aus dem Nichts etwas Großes zu schaffen und es dann vor der Welt schnell wieder zu verbergen. Kam trotzdem einer und suchte nach dem Geheimnis der Stadt, entwich es, zisch, vor seinen Augen.

Dies nur als sinnbildliche Warnung für alle, die dem Wesen Berlins wissenschaftlich näher treten wollen. Immer mal wieder fragt uns einer, wie es denn so gehe - und glaubt auch noch an die Antwort. So wie jetzt McKinsey: Lärm, Dreck, schlechte Schulen, keine Arbeitsplätze... Letzter Platz aller deutschen Großstädte. Kurz: Wir beschreiben Berlin so, wie wir uns Kiew vorstellen. Doch was bedeutet das? Es bedeutet, dass wir noch beieinander sind und unsere uralte Bewertungskultur pflegen, deren höchstes Lob bekanntlich „da kann man nicht meckern“ lautet. Würden Berliner auf derlei Fragen nur noch „Toll!“, „Geil!“ oder „Supa!“ antworten, dann wären sie ja Münchener, nicht wahr? Und da gibt es schon genug von.

Ein Beispiel: Der Bahnhof Zoo ist eigentlich ganz nett inzwischen - der ADAC bestätigt es gerade in einem Test, und das, obwohl man mit dem Auto ins Gebäude nicht mal reinkommt. Gut. Aber was sollen jetzt die Touristen denken, die sich auf ein authentisches Dreckloch mit Drogentoten und Wermutsäufern freuen, auf das also, was ihnen der Bahnhof Sasbachwalden nicht bietet? Kommt zu uns, rufen wir ihnen zu, in die mieseste Stadt Deutschlands!

Außer allen anderen Städten natürlich.

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