Zeitung Heute : Von Tag zu Tag

Der Tagesspiegel

Von Stephan Wiehler

Seit unser schönes Deutschland von Sozialdemokraten regiert wird, erfährt das Geistesleben eine neue Blüte. Wie weiland Willy Brandt zeigen die Mächtigen wieder Interesse an Intellektuellen und ihren Botschaften. Um die Belange der Kultur befleißigt sich ein eigens ermächtigter Staatsminister, und von Zeit zu Zeit lässt sich Gerhard Schröder erwählte Dichter und Denker zum Gehirn-Jogging ins Kanzleramt kommen.

Auch Klaus Wowereit will da nicht länger nachstehen. Deshalb hat der Regierende Bürgermeister jetzt die Veranstaltungsreihe „Literatur im Roten Rathaus“ ins Leben gerufen. André Schmitz, der Chef der Senatskanzlei, ließ wissen, Wowereit liege es sehr am Herzen, dass sein Amtssitz „nicht nur ein Ort des Regierens, sondern auch ein Raum intellektueller Auseinandersetzung“ ist. Zur Verwirklichung der verwegenen Idee, Macht und Geist unter einem Dach zu vereinen, sollen einmal monatlich Künstler und Schriftsteller eingeladen werden. Zum Auftakt erwartet Wowereit am kommenden Montag mehrere jüngere Autoren. Unter dem Motto „Deutschland – auf der Suche nach der Mitte“ sollen sie die gewichtige Frage diskutieren, ob Berlin als neue Hauptstadt identitätsstiftend für die Nation wirken kann.

Womit die Frage nach jenem Ort, an dem die geistige Mitte Deutschlands zu suchen ist, schon beantwortet scheint: im Roten Rathaus natürlich – es sei denn, die intellektuelle Elite ist gerade zu Gast im Kanzleramt.

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