Zeitung Heute : Von Tag zu Tag

Der Tagesspiegel

Von Katja Füchsel

Dass früher selbst die Zukunft besser war, wusste schon Carl Valentin. Damals, als die Kinder statt Pokemonkarten oder Gogos noch ihre Poesiealben in den Pausen tauschten. Wir erinnern uns der Klassiker gerne: Möge doch dein Herz so rein wie des Seehunds Schnauze sein. Oder: In allen vier Ecken soll Liebe drinstecken. Alles längst vergessen. Wie auch die in fast allen Alben verewigte Parabel von den zwei Mäusen, die in ein Fass voll Milch fielen. Eine schrie um Hilfe – und ertrank. Die andere paddelte fleißig die Nacht hindurch – und saß am Morgen auf einem Berg von Butter. Eine Weisheit fürs Leben, doch wen interessiert das heute noch? Nicht einmal die Mäuse.

Sie stürzen sich bereits am hellichten Tag lieber ins Volle: Käsekuchen, Erdbeertörtchen, Sahneschnitten. Wie zuletzt in einer Backstube am Kottbusser Tor. Die Verkäuferin hatte das behände Tier in der Kuchenauslage zuerst entdeckt und sah offenbar das Unvermeidbare auf sich zukommen. Ihre Hände zitterten leicht, als sie das Wechselgeld herausgab und ein Kunde verwundert flüsterte: „Sie haben da eine Maus auf dem Kuchen.“ Es war gewissermaßen der erste Akkord zu einem gewaltigen Reigen. Bald wusste das ganze Geschäft Bescheid. „Das gibt’s doch nicht!“ „Guck dir das an!“ „Iiiiiiiieeeeehhhh!“ – der Schrei der Frau hätte die Schneebretter in den Alpen zum Abgehen bringen können. Derweil machte sich die Maus genüsslich über die Nussecken her.

Es kam, was kommen musste. Erst der Filialleiter, später der Kammerjäger. Die betapste Ware wanderte in den Müll. Dem Kopfgeldjäger hatte das Tier, berauscht von Keks und Krümel, da kaum noch etwas entgegenzusetzen. Und dass Hilferufe Mäuse nicht retten, wissen wir ja bereits aus dem Poesiealbum.

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