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Der Tagesspiegel

Von Ekkehard Schwerk

Eine alte , lange Zeit verschüttete Berliner Tugend wird gesprächsweise freigelegt: der „Berliner Unwille“. Die tätige Frechheit war im Sommer 1443 ein frühes Zeichen aufsässigen Berliner Lebenswitzes. Und das hatte mit dem Bau des Stadtschlosses zu tun. Die Wiederbelebung solchen Unwillens hat auch mit dem Stadtschloss zu tun, jedenfalls mit der teigigen Diskussion ums Für und Wider einer vordergründigen Schloss-Nachahmung. Am kommenden Mittwoch wird die eingesetzte Expertenkommission abschließend anregen, ein Quantum Barock mit einem Quantum Moderne auf den Schlossgrundriss zu bauen. Ein großer Teil des Palastes der Republik soll abgerissen werden. Es verlautete gestern, dass einem „Humboldt-Forum“ Raum für ein Museum, eine Bibliothek und für Veranstaltungen gegeben werden könne. Der Senat soll recht zurückhaltend reagiert haben.

Aber eine „Kampagne gegen einen Schlossneubau“ bringt den historischen „Berliner Unwillen“ ins Gespräch und will diesen am Mittwoch an Ort und Stelle mit einem Spektakel reanimieren. Will das Volk gewinnen, sich für einen Ideenwettbewerb und eine demokratisch zustande kommende Bauentscheidung ins Zeug zu werfen.

Das Berliner Volk von 1443 löckte gegen den kurfürstlichen Stachel, indem es den Bau eines Stadtschlosses zu behindern suchte. Der Wappenbär wurde auf alle Viere gezwungen, ihm wurde ein Adler in den Nacken gesetzt. Dort saß schon der Schalk. Der Unwille blieb für Mächtige lange eine Berliner Unart. Mit dem Schalk verbunden wäre die Unart wieder Berliner Lebensart.

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