Zeitung Heute : Von Tag zu Tag

Der Tagesspiegel

Von Ekkehard Schwerk

Ein Säugling wurde tot in einem Müllschlucker gefunden. Wir melden das, denken darüber nach und überlassen es der Polizei, das Ihrige zu tun. Ein Kind wurde empfangen, war aber nicht willkommen. Hinter so stillen Worten aber gellen Schreie. Zuallererst die einer Frau. Sie wurde Mutter und war dieser Verantwortung nicht gewachsen. Das gilt auch dann, wenn sie aus anderen, hier nicht zu beurteilenden Gründen sich der Verantwortung für ein Kind entzog. Das bleibe Sache der Justiz. Wie auch der Fall letztlich liegen mag: Das Kind wurde ausgetragen, aber war seiner Mutter, die es all die Zeit ertrug , im Wege. Sie wusste keinen Ausweg und tat, was uns entsetzt. Vorausgesetzt, hier war eine Kindsmutter und kein anderer beteiligt. Was wissen wir denn schon davon, was in einem verzweifelten Menschen vor sich geht, was der Verzweifelten schonungslos zugemutet wurde und ihr letztlich nur den „Mut“ der Verzweiflung ließ. Wir wissen, dass so etwas weder neu, noch heute unausweichlich ist. Gerhart Hauptmanns „Ratten“ lag eine Rummelsburger Begebenheit als Vorlage zugrunde. Ein Ehepaar sehnte sich nach einem Kind, das es nicht empfangen konnte. Eine andere Frau wollte kein Kind, bekam es aber. Gab es der anderen her, die es ihrem Mann als das gemeinsame Kind unterschob. Sie schenkte ihm dabei im wahren Wortsinn ein Kind. Die Sache flog auf. Die Frau wurde geringfügig bestraft, weil sie aus schierer Not schuldig wurde. Es gibt auch heute sehnende Mütter, Eltern. Und es gibt Stellen, wo unwillkommene Säuglinge abgegeben werden können, die anderswo willkommen sind. Das muss an allen Ecken und Enden der Stadt in allen Sprachen angeschlagen werden!

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