Zeitung Heute : Von Teufeln und Beelzebuben

Die Vereinten Nationen haben für Liberia eine Eingreiftruppe beschlossen. Aber dieser Krieg hat seine eigenen Gesetze. Die vermeintlichen Friedensstifter haben vom jahrelangen Morden profitiert. Und Diktator Charles Taylor bricht laufend seine Versprechen.

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]

DER KRIEG IN LIBERIA

Von Wolfgang Drechsler,

Kapstadt

In Monrovia herrscht Endzeitstimmung. Zwei Monate nach dem Ausbruch der jüngsten Kämpfe um die liberianische Hauptstadt sind die meisten Gebäude nur noch feuchte Betonruinen mit geschwärzten Fassaden, in denen Tausende von Flüchtlingen hausen. Was nicht niet- und nagelfest ist, haben Diebe längst entwendet. Erst vor zwei Wochen haben die Rebellen auch noch die Wasserversorgung zerstört. Neben den Lebensmitteln droht nun auch das Trinkwasser auszugehen.

Unter den Menschen hat sich in den letzten Wochen ein abgrundtiefes Gefühl der Verlassenheit breit gemacht, weil niemand zur Hilfe geeilt ist, um dem Albtraum ein Ende zu bereiten. Mit dem für nächste Woche angekündigten Eintreffen eines Vorauskontingents westafrikanischer Soldaten scheint nun jedoch etwas Hoffnung aufzukommen.

Wie bereits in den Vorwochen haben die Bewohner der Hauptstadt auch in den letzten Tagen wieder Dutzende von Leichen vor der US-Botschaft abgeladen, um damit auf die Untätigkeit der Amerikaner zu verweisen. Seit Liberia 1847 von befreiten Sklaven aus den USA gegründet wurde, ist das Land ein enger Verbündeter Washingtons in Westafrika; die Hauptstadt trägt sogar den Namen des damaligen US-Präsidenten James Monroe.

Dennoch zögern die Amerikaner nach ihrer Demütigung in Somalia mit dem Eingreifen. Bislang haben sie nur 40 Elitesoldaten zum Schutz der eigenen Botschaft entsandt. Auch hat Präsident George W. Bush letztes Wochenende drei Kriegsschiffe mit 2000 Marineinfanteristen aus dem Mittelmeer vor die Küste von Liberia beordert. Pläne für eine US-Intervention im großen Rahmen gibt es jedoch – noch – nicht.

Mehrmonatige Verspätung

Stattdessen haben die USA angeboten, mit rund zehn Millionen Dollar die Friedenstruppe der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas unter nigerianischer Führung logistisch zu unterstützen wie sie die UN jetzt offiziell gebilligt hat. Eigentlich sollte ein Vorauskommando von 1300 Soldaten bereits im Verlauf der letzten Woche in Liberia eintreffen. Doch angesichts der zunächst noch anhaltenden Kämpfe kam dies nicht zustande.

Nach Angaben von Brigadegeneral Festus Okwomkwo, der die Truppe befehligt und letzte Woche die Lage vor Ort sondierte, soll dies nun jedoch in den nächsten Tagen geschehen. Zum einen sind die Kämpfe seit dem Eintreffen der Inspektoren stark abgeflaut, zum anderen scheinen nun auch die logistischen Probleme weitgehend gelöst. Nicht weniger chaotisch als vor dem jetzigen Einsatz war das Szenario vergangenes Jahr beim Ausbruch des Bürgerkriegs in der Elfenbeinküste. Auch dort traf die Ecowas mit mehrmonatiger Verspätung ein – und zum Teil ohne richtige Schuhe und Waffen. Erst die Franzosen sorgten mit eigenen Soldaten schließlich für Ordnung.

Keine Neutralität

Problematisch ist zudem, dass eine westafrikanische Eingreiftruppe für sich kaum Neutralität beanspruchen kann. Beide Rebellengruppen – die Lurd (Liberians United for Reconciliation and Democray) im Norden und das Movement for Democracy in Liberia (Model) im Osten – werden ganz offen von den liberianischen Nachbarländern Guinea und Elfenbeinküste unterstützt. Die Nigerianer, die das Hauptkontingent stellen sollen, haben in Liberia schon einmal im Bürgerkrieg zwischen 1990 und 1997 interveniert – mit verheerenden Folgen. Statt als Friedensstifter zu fungieren, wurden sie durch die Plünderung des Landes selbst zur Konfliktpartei. Und jetzt haben sie auch noch Liberias Staatschef Charles Taylor Asyl angeboten. Umso wichtiger wäre ein größerer Anteil nichtafrikanischer Soldaten, vor allem im Befehlsstab.

Aus US-Regierungskreisen heißt es indes noch immer, über einen Einsatz eigener Truppen werde erst entschieden, wenn die zugesagte westafrikanische Eingreiftruppe in Liberia eingetroffen sei und Taylor das Land verlassen habe. Der Diktator selbst hat versprochen, ins Exil zu verschwinden, sobald sich eine internationale Eingreiftruppe im Land befindet. In Wirklichkeit dürfte es Taylor aber vielmehr darum gehen, Zeit zu gewinnen und herauszufinden, ob die afrikanischen und amerikanischen Interventionsabsichten wirklich ernst gemeint sind.

Beobachter sind sich darin einig, dass unabhängige Vermittler eine weit stärkere Position hätten, wenn die Rebellen nicht, wie es bis vor kurzem aussah, am Ende als Sieger in die Hauptstadt einzögen. Wieder einmal würde sonst deutlich, dass es sich in Afrika lohnt, mit Waffengewalt vorzugehen und keinerlei Rücksicht auf Zivilisten zu nehmen.

In Kongo wurden auch gerade erst ehemalige Rebellenführer zu Vizepräsidenten in der neuen Übergangsregierung ernannt, obwohl einige von ihnen nichts anderes als Kriegsverbrecher sind. In Liberia dürfte dies, selbst beim Eintreffen einer westafrikanischen Friedenstruppe, am Ende ganz ähnlich sein. Denn personelle Alternativen zur abgewirtschafteten Regierung und den kaum weniger blutrünstigen Rebellen lassen sich in Liberia zumindest gegenwärtig nicht ausmachen.

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