Zeitung Heute : Von Tieren lernen

Ariane Bemmer

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Eigentlich mag ich keine Zoos. Sie deprimieren mich. Weil ich Stubenhocker frei bin und tausende Kilometer weit laufen könnte, und die Tiere sind eingesperrt. Tiger, die in freier Wildbahn ein Revier von 50 Quadratkilometern verteidigen, haben ein kleines Gehege. Der kalifornische Seelöwe, der im Meer bis zu 100 Meter tief tauchen kann und Spitzengeschwindigkeiten von 40 km/h schwimmt, hat einen Pool, dessen Größe im Pauschalurlaub Grund zur Beschwerde wäre. Und die Menschenaffen, die in Afrika oder Asien die Reste der Urwälder durchstreifen, sitzen in Glaskästen. Nur wenn Besuch mit Kindern da ist, gehe ich in den Zoo. Weil man dort etwas lernen kann.

Vor nicht allzu langer Zeit war es wieder soweit. Der Besuch kam mit seinen Kindern und wir gingen in den Zoo. Wir Großen steuerten gleich das Menschenaffenhaus an. Die Kinder wollten draußen die kleinen Affen angucken. Bei denen war mehr los. Die kleinen Affen rannten herum, kniffen einander oder hauten sich auf den Kopf. Da juchzten die Kinder vor dem Käfig und riefen: Guck mal, der hat so gemacht! Und dann kniffen sie sich auch und hauten sich auf den Kopf. Die Menschenaffen dagegen sitzen herum, oft mit dem Rücken zur Glaswand. Die Zoobesucher scheinen sie nicht zu interessieren. Aber Erziehungsprobleme haben sie offenbar auch. Mano, ein Orang-Utan, so breit wie hoch und mit langen zotteligen Haaren eine respektable Erscheinung, wurde von seinem Sohn Bagus beturnt. Der kleine Orang schwang am Seil und stieß immer wieder gegen Vaters Kopf. Manchmal guckte er ihn an, ein bisschen fragend, ein bisschen frech. Die Erwachsenen vorm Glasfenster schauten gebannt. Wie würde der Orangmann dieser pädagogischen Herausforderung begegnen? Könnte man daraus etwas für die eigene Familie lernen? Der Sohn schaukelte und rempelte, der Vater saß und wirkte unbeteiligt. Da kamen von draußen die Kinder gelaufen und lenkten uns ab mit Geschrei darüber, wer wen gekniffen und gehauen hat. Wir mahnten eilig zur Ruhe – doch als wir wieder zum Affenkäfig guckten, saß Mano woanders und der Sohn spielte allein. Wir hatten den entscheidenden Moment verpasst. Wir werden wiederkommen müssen.

Berliner Zoo, Hardenbergplatz 8, Öffnungszeiten: montags bis sonntags 9 bis 17 Uhr

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