Zeitung Heute : Von Tisch zu Tisch: Adlon-Stube

Elisabeth Binder

Das kennen Sie sicher auch. Besuch aus der Fremde kommt und will unbedingt berlinerisch essen gehen. Was tun? Natürlich gibt es die eine oder andere Adresse, leider oft sehr zünftig bis extrem rustikal und im Normalfall auch noch kräftig verräuchert, was zum Beispiel Amerikaner zwar exotisch finden, aber trotzdem nicht unbedingt goutieren. Mein altes Argument, die typische Berliner Küche sei eigentlich die italienische, wofür nicht nur die Zahl der entsprechenden Restaurants und Feinkostläden spricht, zieht leider auch nicht immer. Was vor allem daran liegt, dass die globale Küche auch immer italienischer wird, also wo ist das Besondere bei uns?

Glücklicherweise hat sich das Hotel Adlon auf eine Tradition besonnen, mit der zum Beispiel Luxushotels im Schwarzwald seit Jahren Erfolge feiern. Neben den feinen Restaurants gibt es auch jeweils eines mit schlichter regionaler Küche. Endlich ein Fluchtpunkt mit Klimaanlage und Zutaten, deren Fettgehalt nicht einen Fitness-Studioaufenthalt ab 20 Stunden aufwärts nach sich zieht.

Das Ambiente der ehemaligen Bar im hinteren Teil des Hotels verlangt eigentlich nur noch nach Patina. Die Beleuchtung ist für regionale Küche zu hell, die offene Küche ganz hübsch, aber noch etwas dezent folkloristisch ausbaubar, die dunkelroten Stoffsets auf Marmortischen an hellbraunen Lederstühlen schon ganz gediegen altberlinerisch, desgleichen Momentaufnahmen von vergangenem Glanz. Der natürlich tadellose, aber einen winzigen Tick muffelige Service (eine Person für so einen riesigen Laden ist einfach zu wenig!) unterstreicht den Berlin-Charakter noch.

Es gibt Schrippen mit zwei Butterstückchen vorweg, ganz okay, obwohl ich hier (Graubrot-) Stulle mit (edlem) Schmalz natürlich passender gefunden hätte und dazu vielleicht sogar noch ein Stückchen saure Gurke oder Solei. Leider fehlt auf der Karte die Currywurst (die in edlen Varianten suchterzeugend sein kann); das mag aber daran liegen, dass sie erst erfunden wurde, als das Adlon seine großen Zeiten bereits hinter sich hatte. Die Terrine von Havelländer Flusskrebsen war ein bisschen glibberig, aber ganz lecker, frischer Meerrettich und marinierte Gurken, die dazu angekündigt waren, fehlten, dafür gab es (unangekündigte) Cocktailsauce, Kräuterquark und Salat. Auch schön. Die frische Rinderkraftbrühe mit Streifen vom Kräuterpfannkuchen war ein Gedicht, kein Wunder, dass sie weit über die Grenzen Berlins hinaus, ja, selbst in Blankenese, zum Klassiker geworden ist, aber wir gemeinden ja gerne alles ein, und sie duftete schon so gut und schmeckte meinem sonst so berlinerkücheallergischen Begleiter noch besser. Lustig, dass es hochkapitalistischen Rotkäppchen Sekt vorweg gibt (0,1 zum Preis von zwei Flaschen im Supermarkt). Sehr schön kalt, was die Tatsache, dass er schon ein Weilchen offen gewesen sein muss, nicht verdecken konnte. Ja, man verwendet behutsam auch moderne Elemente. So gab es einen Kartoffel-Rucola-Salat, der meine Einschätzung, dass die berlinische Küche im Grunde italienisch sei, zumindest in Ansätzen bestätigte. Viel Rucola, wenig Kartoffel, lecker!

Die Bouletten superlocker, schön fleischig mit einer dunklen Sauce, der wir mal eine folkloristische Funktion zubilligen wollen. Senf wurde freundlich angeboten und kam immerhin, bevor ich der letzten Boulette zu Leibe rückte. Wunderbar war die Kalbsleber Berliner Art mit karamelisierten Apfelringen, mit superschönem Kartoffelpüree, auf dem sich frische Röstzwiebeln türmten, flankiert von gegrillten Zucchinischeiben und Brokkoli.

Dazu trinkt man eigentlich Bier, aber es gibt auch offene Weine, die direkt aus der Flasche eingegossen werden. Der 98er Reinhartshausen Riesling unterlag knapp in der Konkurrenz mit dem Bardolino.

Die Mousse von der Berliner Weiße schmeckte glücklicherweise nicht allzu sehr nach Berliner Weiße, verfügte zudem über einige ganz unproletarische Baumkuchenelemente und viele, viele Beeren (Brombeeren, Blaubeeren, Himbeeren) auf rotem Spiegel, die in Berlin wirklich nur zur Sommerszeit gedeihen.

Wie heißt ein altes Sprichwort, das unsere Freunde aus dem englischsprachigen Raum pflegen? "When in Rome, do as the Romans do." Wenn Sie in Berlin sind, sollten Sie es eigentlich den Berlinern nachmachen und zum Italiener gehen. Wenn Sie das partout nicht wollen, ist die Adlon-Stube sicher eine zivilisierte Alternative zum akzeptablen Preis; zu zweit muss man mit 100 Euro rechnen. Und wenn der Restaurantchef zum Beispiel in der Dorfstube des Hotels Bareiss in Baiersbronn mal schaut, wie man sowas auch richtig schnuckelig hinkriegt, dann hat es alle Chancen mehr zu werden, nämlich ein Pilgerort für alle, die sich auf die Suche nach dem verlorenen Berlin begeben.

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