Von Tisch zu Tisch : Arme Ritter, reiche Ritter

Die Goldenen Zwanziger in Berlin standen Modell für das "Heinrich" in der Rosa-Luxemburg-Straße 39-41. Joop-Tochter Florentine betreibt das Restaurant mit ihrem Ehemann Heinrich Beckmann und serviert hausgebackenes Brot, "Arme Ritter" und Champagner

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Heinrich. Rosa-Luxemburg-Straße 39-41, Mitte, täglich ab mittags, Tel. 138 999 06. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Das Weißbrot duftete verlockend. Allein: Wir bekamen keins. Für andere Tische wurden auf der Anrichte nebenan metallene Körbchen gefüllt, nur wir gingen leer aus, obwohl der Aperitif bereits ausgetrunken war. „Was muss man denn tun, um auch welches zu bekommen“, fragte ich die Kellnerin, die aussah, als wenn sie gleich für einen Film über die goldenen zwanziger Jahre engagiert werden würde: die berühmte Mischung aus Girl und Göre mit einer Anmutung von fescher Lola. „Ganz lieb bitte, bitte sagen“, antwortete sie, ohne mit der Wimper zu zucken.

Das Restaurant ist schön, keine Frage. Ein großer Raum, blau gestrichen, eine interessante Fensterfassade bildet die Rückwand, und unter der hohen Decke schwebt eine wagenradgroße rote Lampe. Tulpen stecken in gläsernen Weinkaraffen, in einer großen Vase räkeln sich malerisch Rosen. Florentine Joop hat sich hier sehr gekonnt einen Golden-Twenties-Traum erfüllt, der berühmte Designer-Vater Wolfgang hat im Entrée bereits ein stolzes Autogramm hinterlassen. Für die Speisen zeichnet ihr Ehemann Heinrich Beckmann verantwortlich: modernisierte Rezepte der Berliner Küche in den Goldenen Zwanzigern. Das Brot ist hausgebacken und schmeckt köstlich. Nachdem wir es einmal auf den Verteiler geschafft hatten, gab es sogar Gürkchen und Schmalz dazu.

In der Zwischenzeit hatten bereits mehrere Gäste, die in der Nähe der hohen Fenster saßen, ihre Plätze gewechselt. Und auch wir knöpften die Jacketts zu. „Der Heizungsmonteur ist nicht gekommen“, sagte schulterzuckend die stoische Lola. Und nein, auf den Lederbänken im Hintergrund könnten wir nicht Platz nehmen, da sei alles reserviert. Zum Glück flackerten Windlichter auf den blanken Holztischen.

Die Apfelselleriesuppe kam in einem gläsernen Blumentopf mit Deckel und schmeckte cremig, fruchtig, gut (5,50 Euro). Sehr lecker war auch der Baby-Spinatsalat mit einer leicht süßlichen Apfelvinaigrette, Walnüssen, wunderbarem Ziegenkäse und karamelisierten Apfelspalten (6 Euro). Der 20er-Jahre-Stil verlangt nach regionalen und saisonalen Produkten, was ihn hoch aktuell macht. Angenehm fiel mir auf, dass weder die Portionen noch die Preise zu groß sind.

„Stolzer Heinrich“ ist ein altes Berliner Rezept. Das ist vorzüglich gelungen: zwei Bratwürste in Gewürzbiersauce, köstlicher Kartoffelstampf mit goldbraunen Röstzwiebeln und glänzender bissfester Rotkohl. Auf Wunsch gibt es auch körnigen Dijon-Senf dazu (13 Euro). Wer gelegentlich ausländische Gäste ausführen muss, sollte sich diese Adresse unbedingt auf die persönliche Landkarte setzen.

Die Lust auf vegetarisches Essen wird belohnt mit einem Schusterjungenknödel, der offensichtlich viel von dem hausgemachten Weißbrot in sich hat, entsprechend gut schmeckt und überraschend leicht zu zerteilen ist. Dazu gibt es reichlich Pilze, dicke Blaubeeren und eine schöne Weißweincreme (12,50 Euro)

Danach mussten es einfach noch „Arme Ritter“ sein. Stilistisch hatten wir uns unter Umgehung von Kalbsleber, Entenbrust und Zander auf dieser Richtung einfach fest gefuttert. Die Assoziation „Arme Ritter, reiche Ritter“ kam schon gleich beim ersten Bissen. Auch in dieser Süßspeise wurde etwas vom Charakter des Weißbrots erkennbar, dazu kamen eine wunderbare Quarknote und ein selten köstliches Birnenkompott (5,50 Euro). Da die Volksbühne vor dem Fenster leuchtete, ernannten wir die Ritter mal zum Theater-Dessert ehrenhalber.

Im Eingang steht ein altes Klavier, darüber hängt der Spruch: „Ob blond oder blau, Heinrich kocht für Mann und Frau.“ Der offene Sekt war gut (4 Euro). Champagner gibt’s auch, aber da kostet ein Piccolo gleich 25 Euro. Der 2008er Rheingau Riesling von Robert Weil lag etwas salzig auf der Zunge, was aber auch daran gelegen haben könnte, dass er keine ideale Ergänzung zu süßeren Speisen ist (27,60 Euro).

Ein cooler Wellness-Abend fürs ästhetische Empfinden. Das Lokal könnte Gefahr laufen, zum Darling der noch nicht so reichen Avantgarde zu werden. Im Sommer kommen wir wieder.

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