Von TISCH zu TISCH : Blumenladen

Fettuccine mit Steinpilzen

Viele unserer Leser wohnen in angenehmer, gutbürgerlicher Umgebung weit ab von Mitte und Charlottenburg, und sie fragen sich und uns gern, wie es denn mal mit einem guten Restaurant wäre, das sie zu Fuß oder per Fahrrad erreichen können? Ja, wie ist es damit? Wir können solche Restaurants leider schlecht selbst gründen – und wenn wir entsprechenden Empfehlungen nachgehen, stoßen wir meist auf gut gemeinte, banale Allerweltsküche zwischen Wiener Schnitzel, Knoblauchgarnelen und Crème brûlée.

Friedenau ist so ein Fall, eine Wohngegend, in der man den einen oder anderen bekennenden Genießer vermuten darf. Doch es gibt dort nur gehobene Kneipen – und die windschiefe Osteria Blumenladen am S-Bahnhof, eine gut gelaunte italienische Abfütterungsstätte mit Anspruch. Das hemdsärmlige Konzept mit Kreidetafel und persönlichen Ratschlägen erinnert ein wenig an die Achtziger, die Küche möchte aber in die Gegenwart und zeigt dies beispielsweise durch den Einsatz von Burrata, dem modischen Weichmozzarella.

Eine Pizzeria, das wird schnell klar, soll das nicht sein, aber es ist auch kein Ristorante mit fortgeschrittener Tellerakrobatik; alles, was wir probierten, lag eher auf der deftigen als der feinen Seite. Manches wirkte auf sympathische Weise unprofessionell, oder sagen wir: autodidaktisch, beispielsweise der gegrillte Pulpo, angenehm weich, der auf ein paar Salatblättern und ein paar Obstscheiben, beispielsweise Kiwis ruhte, eine eigenartige Kombination.

Die klassische sizilianische Caponata, auf der Tafel sicherheitshalber als „Auberginensalat süß-sauer“ ausgewiesen, schmeckte sehr gut, nicht zu matschig zerkocht, und bei den Nudeln kann auch wenig schiefgehen, wie die Tonnarelli, eine Art viereckige Spaghetti, zeigten. Sie kamen mit Thunfischwürfeln, Oliven und sehr wenig dünnem Spargel (Wild? Thai?) auf den Tisch – runder Geschmack, allerdings hätte der Fisch gern weniger durch sein dürfen. Fettuccine mit Steinpilzen: gelungen mit guten, angeblich sogar frischen Steinpilzen, was mir angesichts der Jahreszeit etwas fraglich vorkam.

Die Hauptgerichte folgen dem aus vielen italienischen Restaurants bekannten Bausatzprinzip, in dem alles irgendwie mit allem zusammenzupassen hat. Das Bärlauchtörtchen zum Steinbuttfilet war alle, also gab es dazu den zur Dorade geplanten Kartoffel-Anchovis-Auflauf, ein deftiges püreeartiges Durcheinander, anständig gemacht wie das brave Kalbskotelett mit Kartoffeln und Gemüse. Zum Abschluss probierten wir ein ausdrucksstarkes, sehr süßes Macadamianuss-Parfait mit Amarena-Kirschen – und waren insgesamt leidlich zufrieden.

Denn die Preise, bei denen zu zweit 100 Euro schnell erreicht sind – Vorspeisen um zehn, Hauptgänge um 20 Euro – hätten durchaus noch ein wenig mehr Küchenpräzision erwarten lassen. Aber ich vermute, dass viele Gäste hier gern einen Sympathiebonus für die persönlich-familiäre Atmosphäre geben, die nur schlecht kritisch abzumessen ist. Die kleine Weinkarte ist vom Angebot her durchaus überdurchschnittlich und deutet auf Ambitionen des Verantwortlichen, der sehr empfehlenswerte Sauvignon „Winkl“ aus Terlan/Südtirol kostet 31 Euro, das ist okay. Irgendwie nett, heile Friedenauer Welt.

Über das „Tauro“ auf dem Pfefferberg in Prenzlauer Berg habe ich hier schon geschrieben, jedenfalls über den spanisch-mallorquinischen Teil im Erdgeschoss. Droben gibt es Fleisch vom Grill sowie neuerdings einen schönen Biergarten, und hier lohnt sich der Besuch ebenfalls. Ausgezeichnetes Fleisch – auch US- Prime und Wagyu – wird mit verschiedenen Grilltechniken auf der Höhe der Zeit verarbeitet, die Barbecue-Saucen sind köstlich, die Beilagen kompetent gemacht, und auch das Getränkeangebot geht weit über das Niveau hinaus, das man hier dem ersten Eindruck nach erwarten würde. Ja, das ist ein riesiger Laden, dessen Qualitäten man erst auf die Spur kommen muss. Aber es lohnt sich, oben wie unten. (Schönhauser Allee 176, täglich ab 16 Uhr, Tel. 400 560 48, www.tauro-berlin.de)

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