Von TISCH zu TISCH : Est

Saltimbocca alla Romana

Est, Alte Schönhauser Str. 28, Mitte, Tel. 200 540 35, täglich außer sonntags von 12 bis 24 Uhr. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Est, Alte Schönhauser Str. 28, Mitte, Tel. 200 540 35, täglich außer sonntags von 12 bis 24 Uhr. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Kellner sind zunächst mürrisch, klappen die Ohren aufs Handy, fläzen sich auf den Eckplätzen. Der Laden ist fast leer, die Vorratskammern sind es offenbar auch, jedenfalls zum Teil. Das Est ist, wie der Name nahe legt, die östliche Antwort auf das viel gelobte Charlottenburger Restaurant Ovest, und es verbirgt sich in den Räumen des früheren In-Lokals Modellhut, von dem die goldene Decke geblieben ist.

Die blanken Holztische sind mit gewürfelten Servietten, Brottellern, extravaganten bunten Wassergläsern und Windlichtern fröhlich gedeckt. Die grauen Stühle sind bequemer als sie aussehen, und in der Mitte des Raumes leuchtet eine große Schale Zitronen wie ein sinnlicher Gruß aus dem Land, in dem sie blühen. Eigentlich ein einladender Anblick, aber die alte Weisheit, dass ein Restaurant in der Pampa unter Umständen besser aufgehoben ist als hart am Rande des eingetretenen Trampelpfades der Nachtesser hat sich in dieser Lage schon früher bewahrheitet.

Tolles Brot, ganz frisch gebacken, das ist schon mal ein guter Einstieg. Das Öl aus einer kleinen Kanne lässt sich darauf leider nicht so exakt dosieren, dass es ohne Tropfen abgeht. Prosecco kommt schnell und trägt das Vertrauen erweckende Etikett Valdobbiadene (4 Euro). Beim Wein nimmt man uns nicht ganz ernst. Offenbar denkt der Kellner, wir merkten nicht, dass er eine andere Flasche als die von uns gewünschte anbrachte. Der andere sei nicht da, sagte er auf Nachfrage, dieser sei normalerweise viel teurer, 38, 50 Euro, er wolle ihn uns zum selben Preis geben. Mit 24,50 Euro erschien der Chardonnay aus dem Friaul dann zwar trotzdem um zwei Euro teurer auf der Rechnung als der zuerst gewünschte sizilianische Chardonnay, hatte aber einen angenehmen Barrique-Geschmack. Es macht trotzdem immer einen guten Eindruck, Gäste auf dem Laufenden zu halten, gerade auch wenn man ihnen aus Not Wohltaten wie ein Upgrade bei der Weinqualität zugedacht hat. Kellner, mit denen man sich erst zusammenraufen muss, bis sie ihre Herzensgüte offenbaren, waren früher gerade in italienischen Restaurants ganz verbreitet, haben also auch sympathisch nostalgische Züge. Große Wasserflaschen waren ebenfalls aus, und als ich, inspiriert von dem vorangegangenen Erlebnis, nach einem Rabatt für mehrere kleine fragte, konterte der Kellner: „Sie können auch die Stühle kaufen, wenn Sie wollen. Mache ich Ihnen einen guten Preis.“

Die Karte ist klein und nicht übermäßig originell. Vitello Tonnato war immerhin noch reichlich vorhanden, denn die Portion war für eine Vorspeise überraschend groß. Die Thunfischsauce zu den vielen saftigen Kalbfleischscheiben war freilich etwas sehr süßlich geraten. Die Kapern schienen auch schon knapp geworden zu sein, 9,50 Euro). Carpaccio Ischia kombinierte gute Rindfleischscheiben mit Shrimps und Rucola zu einem gekonnten Antipasto-Surf-and-Turf (13,50 Euro). Die Saltimbocca alla Romana schwammen zart vergnügt in einer großzügig bemessenen Salbei-Weißweinsauce, der Schinkenspeck addierte eine angenehm kräftige Note dazu. Das war wirklich gekonnt gemacht (19,50 Euro).

Reichlich waren auch die „Tagliata Est“, Entrecôtestreifen, rosa gebraten, gutes Fleisch mit wenig Sehnen, serviert mit teils heißen, teils kalten halben Cherry-Tomaten auf einem Berg Rucola- Salat. Dazu gab es noch eine üppige Portion Käseraspeln am Rande, eine geschickte Zugabe. An solchen Details zeigt sich eine dezente Kreativität, die sich in unterschiedliche Bedürfnisse von Restaurantgästen einfühlt (19,50 Euro).

Die Dolci von der Tagesskarte waren alle aus, kein Tartufoeis, keine Windbeutel mit Schokocreme. Die ehernen Standards, Panna Cotta, Creme Caramel und Tiramisu gab’s aber noch. Und Letzteres schmeckte auch erstaunlich gut, wenngleich ich gerne mal einen Wettbewerb unter italienischen Spitzenköchen anregen würde, bei dem der siegt, der die interessantesten Alternativen erfindet (6 Euro). Warum man etwa innerhalb eines Menüs Pasta mit Panna Cotta kombinieren sollte, hat mir noch nie eingeleuchtet.

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