Zeitung Heute : Von Tisch zu Tisch: Kang Feng in Tempelhof

Bernd Matthies

War hier schon von Glutamat die Rede? Dieser Tage wurde der erste deutsche Top-Koch - Jean-Claude Bourgeuil aus Düsseldorf - im "Stern" zwangsweise geoutet. Ja, er nehme das Zeug gelegentlich, gab er zu, weil man beim Formel-Eins-Kochen nun mal jede Möglichkeit nutzen müsse. Eingeweihte wissen: Bourgeuil nimmt es immer, und er ist nur einer von vielen, die ihr Essen mit dem weißen Pulver dopen; viele Heinz-Winkler-Eleven beispielsweise sind so drauf gedrillt, dass sie es sogar beim Gastkochen immer in der Tasche haben, neben Trüffelöl und Speisefarbe. Man erkennt ihre Saucen am brennend-intensiven, uniformen Geschmack, manchmal liegt sogar ein plumper Hauch von Tütenbrühe über den teuren Suppen, die sie nur Süppchen heißen mögen. Aber nie, nie wird in ihren Hochglanz-Kochbüchern das Thema auch nur angedeutet, ein untrügliches Zeichen für ein schlechtes Gewissen. Gegen die so genannte Gen-Tomate sind sie freilich alle... Seit nun irgendwer einen Glutamat-Rezeptor auf der Zunge entdeckt hat, gilt das als eine Art Freibrief, so, als schütte man auf alles Zucker drauf, nur weil es ja auch Süß-Rezeptoren gibt. (Der Trend existiert ja leider tatsächlich.)

Ich will mich jetzt nicht groß in die Debatte einmischen, ob Glutamat allergen ist oder nicht: Es gibt dafür, so scheint mir trotz der Beschwichtigungen der Industrie, massive Indizien, und in Amerika wird längst heiß diskutiert; der Vermerk "No MSG" auf Fertignahrung ist eine Art Qualitätszeichen geworden. Ich habe schon lange keine Lust mehr, China-Restaurants zu testen, weil sie dort generell nicht ohne können - nein, auch in diesem oder jenem nicht, an das Sie vielleicht gerade denken. Der grell gewürzte Saucenglibber hat viele Berliner süchtig gemacht und viele andere zum Thai vertrieben, wo man freilich auch nie weiß.

Dennoch ein China-Restaurant? Ja, weil es trotzdem anders geht. Das Tempelhofer "Kang Feng" könnte zum Vorreiter einer neuen Generation werden, erkennbar an der modernen, nach Feng-Shui-Gesichtspunkten gestalteten Einrichtung. Das ist gut fürs Auge. Doch es ist zumindest eine kleine Kostprobe nötig, um zu begreifen: Ach! Die Süchtigen werden frustriert sein, die Skeptiker beglückt, denn die Sachen schmecken nach sich selbst. Keine Uniform, keine platten Einheitsfüllungen. Schon die drei verschiedenen gedämpften Dim Sums, die wir probierten, bestachen durch differenzierte Würzung, die den Grundlagen - Garnelen, Huhn, Schwein - ebenso Raum zur Entfaltung ließ wie den anderen Zutaten, Pilzen, Karotten, Kräutern. Gleiches galt für die vegetarischen Frühlingsrollen. Nur zur typischen süßen Chili-Sauce aus der Flasche und zum Soja haben sie noch keine individuelle Alternative gefunden, aber das kommt ja vielleicht noch.

Die Befreiung der Zutaten vom Diktat der Einheitswürze setzte sich bei den Hauptgängen fort. Ganz simpel, ganz überzeugend: Shanghai-Reis, klassisch gebratener Eierreis mit Ananas, Huhn und Gemüsen, der hier nun nicht mehr den Hauch von Resteverwertung trägt. Selbst den "richtigen" Gewürzen bekommt diese Linie, wie die deftige Knoblauchwolke über dem Meeresfrüchteteller ebenso bewies wie der profunde und doch subtile Curryfond zum kurz gebratenen "Currylamm Malaysia": Bissfeste grüne Gemüse vom Spargel bis zur Zuckerschote standen gewissermaßen selbstbewusst an der Seite von Jacobsmuscheln, Riesengarnelen und (etwas zähem) Oktopus, beim Lamm ordneten sich die Gemüse dagegen, wie es sich gehört, dem Fleisch unter, ohne ihre Identität aufzugeben. Alles schmeckte so, wie es eigentlich schmecken soll - die seriös blickenden Weißbemützten in der Küche machen gute Arbeit. Die Desserts, wir wissen es, sind nicht ihr Thema, und so kosteten wir eher pflichtbewusst heiße Mango mit etwas Minze und angenehme, mit Bohnenpüree gefüllte und gebackene Sesamröllchen. Wie sie das alles zu Preisen von maximal 15 Euro für die Hauptgerichte hinbekommen, ist mir völlig schleierhaft.

Nicht einmal Weinfreunde müssen hier verzagen. Das Angebot ist zwar nicht groß und stammt aus der Liste eines einzigen Handelshauses, doch schon offen gibt es feine Dinge wie Franz Kellers Grauburgunder, und jedenfalls wird das Niveau des üblichen China-Restaurants auch hier weit übertroffen. Da zudem der Service freundlich, informiert und sprachkundig ist, kann ich zu einem Besuch nur raten: Dies ist meines Wissens das beste Berliner Restaurant seiner Art. Und in Tempelhof sowieso ohne jede Konkurrenz.

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