Von TISCH zu TISCH : L’origine du monde

Bœuf Bourguignon mit einer halben Birne.

Elisabeth Binder
L’origine du monde, Gubener Str. 41, Telefon 53155629, Friedrichshain. Geöffnet Di-Fr ab 12 Uhr, Sa & So ab 17 Uhr. Foto: K.-U. Heinrich
L’origine du monde, Gubener Str. 41, Telefon 53155629, Friedrichshain. Geöffnet Di-Fr ab 12 Uhr, Sa & So ab 17 Uhr. Foto: K.-U....

Den Ursprung der Welt kann man sich wie einen Aufbruch vorstellen. Ein Kind verlässt den Mutterleib hinein ins Weite. Es wächst heran, vielleicht in Paris oder Straßburg, und irgendwann gelangt es an den Punkt, wo die Lehr- und Wanderjahre beginnen. Man könnte ein Restaurant aufmachen und es nach einem skandalumwitterten Bild von Gustave Courbet benennen, „L’origine du monde“. Es zeigt, fast fotografisch genau, die Tür zu diesem allerersten Aufbruch ins Leben. Bevor es losgeht, fragt man noch rasch maman nach dem Rezept für das Bœuf Bourguignon, das es sonntags immer gab. Und dann landet man irgendwann in Friedrichshain. Sprachkenntnisse werden sich mit der Zeit hoffentlich einstellen. „Oui madame, ce soir, à huit heures, deux personnes.“

Herausgekommen ist ein Lokal, das wie die Mutter aller Studentenkneipen wirkt. Ein Sofa, kleine Tische mit brennenden Kerzen drauf und einfachen gestreiften Setdeckchen. Im Hinterzimmer speist eine fröhliche Tafelrunde. Auf dem Regal überm Sofa warten ein paar zerlesene Bücher auf einsame Frühstücksgäste, und an den Wänden hängen Bilder, die zum Verkauf stehen. „All prices are negotiable“. Auf einer Tafel seitlich des Bartresens steht das Weinangebot, drei weiße, drei rote, die es sowohl offen wie auch als Flasche gibt. „Très bon“, findet der nette Barkeeper einen Languedoc-Roussillon aus St. Chinian (20 Euro). Ach, wie der nach den Ferien der frühen Jahre schmeckt, nach dem eigenen Aufbruch, zelten mit dem ersten Freund nahe der Windmühle bei Perpignan.

Es gibt insgesamt neun Gerichte und zwei Desserts. Der Salat „Chèvre Chaud“bestand aus einem munteren Durcheinander von Blattsalaten, ein paar getrockneten Pflaumen, Scheiben von rohem Schinken, einem gekochten Ei, Tomatenachteln, einem halben Vollkorntoast mit Apfelscheibe und einer Scheibe lauwarmem Ziegenkäse. Darüber hatte der Koch einige Pommes frites gestreut. Am besten war das gelbe Dressing, exakt die Sorte, die ich vor vielen Jahren liebte, als ich selber noch Studentin war (11 Euro).

Der Salat Végétarienne ist sehr ähnlich, hier ersetzt Paprika den Käse und den Schinken (6 Euro).

Die Atmosphäre ist wirklich nett, die Jungs wollen, dass man sich wohlfühlt, und als wir nach Salz und Pfeffer verlangen, fragen sie, ob in der Mühle oder zum Streuen. Rührend. Zwischen den Gängen machen wir uns auf in die Katakomben, finden dort eine Art Clubtresen und einen winzigen Vorführraum mit geheimnisvollen Wandmalereien, vollmundigen weißen Strichmännchen auf schwarzem Grund, die gute Laune machen.

Das Bœuf Bourguignon ist weich gegart und schmackhaft in einer sehr konzentrierten Rotweinsauce mit Möhren und einer halben Birne auf der Seite, aber mit arg viel Fett und Sehnen behaftet. Okay, das Fett tut dem Geschmack der Sauce sicher gut, und man kann ja auch alles abschneiden. Aber wie wäre es denn, wenn der Koch das mal vorab übernehmen würde? Besser! (12 Euro) Die Saucisses grillées stellten uns vor ein Rätsel. Zwei leicht gebräunte Bratwürstchen mit weicher Haut drum herum. Ist das wirklich französisch? Aus dem französischen Erklärungsschwall lernte ich, dass es natürlich keine französischen Würstchen waren, weil Franzosen solche Bratwürstchen gar nicht essen. Aber man sei doch in Deutschland! Eine Hommage ans Gastland also. Ich war schon wieder gerührt und tauchte die Pommes tief in das Schüsselchen Ketchup ein. „Aber der Senf“, sagt einer vom Serviceteam da triumphierend, der sei natürlich aus Frankreich. So rutscht dann auch das deutsche Würstchen beschwingt die Kehle runter.

An der Mousse au Chocolat haben sie sicher lange gefeilt, sie ist schön fest und dunkel und hausgemacht mit verzichtbarem Sahnehäubchen und willkommenen Schokostreuseln. Man könnte sich ein Poster für 15 Euro mit nach Hause nehmen, die Zeichnung einer Frau mit den zum Empfangen oder Gebären geöffneten Beinen. Aber das wäre ein zu profaner Akt für ein Restaurant, das bei aller Unscheinbarkeit doch auch eine kräftige Prise von der Poesie des Lebens enthält.

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