Zeitung Heute : Von Tisch zu Tisch: Pan Asia

Bernd Matthies

Die Sache heißt "Crossover" und läuft, grob gesagt, darauf hinaus, dass jeder essen kann, was er will. Mancher Küchenchef findet das Prinzip so toll, dass er klassisch französisch mit mittelmeerischen Einflüssen und asiatischen Gewürzen kocht, ohne die regionalen Wurzeln zu vernachlässigen - dann sehen wir die Ravioli in der Rolle, die bisher dem Eisbein vorbehalten schien, Thai-Suppe ersetzt den Erbseneintopf und die Ente süß-sauer das Jägerschnitzel. Falls der eine oder andere hier das eine oder andere Bahnhofsrestaurant erkennt, ist das durchaus beabsichtigt.

Aber man kann das natürlich auch viel intelligenter machen. In New York gibt es ein florierendes Restaurant, das zu günstigen Preisen einen undogmatischen Querschnitt durch die asiatischen Küchen bietet, schummrig, karg ausstaffiert mit langen, gesprächsfördernden Bänken ohne Rückenlehnen, damit die Leute nicht zu lange hängenbleiben. Das müsste doch auch in Berlin funktionieren, nicht wahr? Und da funktioniert es auch schon, heißt "Pan Asia" und gehört zum kleinen Reich des Borchardt-Wirts Roland Mary - schummrig, karg ausstaffiert, mit langen, gesprächsfördernden Bänken ohne Rückenlehnen.

Und die Leute stehen Schlange, jene Leute, die jeder Wirt will, jung, attraktiv, finanzstark. Da stört es nicht einmal, dass der Weg hinein durch einen bescheidenen Hausflur auf den Hinterhof führt, im Gegenteil: So hat das Experiment genau jenen Geheimtipp-Charakter, der die Szene anzieht und Touristen abschreckt. Das Küchenspektrum reicht von Sushi, sehr gut gemachten Sushi, über Nudelsuppen, Salate, Curries und Yakitori-Varianten bis zu "Specials", Hauptgerichte kosten um 25 Mark. Die Köche stammen offenbar überwiegend aus den Heimatländern dieser Gerichte, und so sind unpassende Vermischungen und handwerkliche Patzer eher die Ausnahme.

Auch die schlechten Angewohnheiten der vorhandenen Asia-Restaurants bleiben aus. Kein vor Glutamat glühender Saucenkleister, keine Einheitspampen und Fertiggewürze, sondern sorgfältig gegeneinander abgesetzte transparente Aromen und präzise Garzeiten. Das alles hat durchaus Baukastencharakter und klettert nicht in Gourmet-Regionen; ich wüsste trotzdem kaum einen Ort, wo das Essen zu vernünftigen Preisen so viel Spaß macht: Roter Hühnerbrust-Curry mit Koriander und Ananas, gebackene Ente mit Nudeln und Shiitake, "Dark Udon"-Nudelsuppe mit Bambus und marinierter Entenbrust, reizvoll mit Sternanis abgeschmeckt, knusprige, ein wenig fette Wantans mit individueller Füllung. Dazu vier offene und neun Flaschenweine, Champagner und der unvermeidliche Prosecco, was man halt so braucht in der Szene.

Auch Desserts gibt es, beispielsweise eine gute gebrannte Creme mit Zitronengras oder Tempura-Bananen, dazu ein paar originelle Eissorten - Curry, Kokos, Papaya, grüner Tee - die ein bisschen zu stark aromatisiert schmecken und also wohl aus eher industriellen Quellen stammen. Der schnelle Service funktionierte bemerkenswert gut, allerdings standen wir, erkannt, unter besonderer Aufsicht - und hörten einige Tage später aus verlässlicher Quelle, dass die Qualität von Essen und Service hier offenbar auch ganz anders ausfallen kann. Angesichts der verheerenden Personalprobleme der gesamten Branche wäre das kein Wunder. Besonders lobenswert und garantiert konstant ist übrigens die informative Website des Restaurants, die sich von den vielen nutzlosen Internet-Auftritten der Konkurrenz günstig abhebt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben