Zeitung Heute : Von Tisch zu Tisch: Umspannwerk

Elisabeth Binder

Dass Friedrichshain Prenzlauer Berg als Schrill- und Szenebezirk abgelöst hat, ist ja inzwischen bekannt. Sobald sowas bekannt ist, kommen in aller Regel zu den Schrill- und Szene-Kneipen und -Clubs auch einige wenige etwas gediegenere Restaurants hinzu, in die dort ansässige Studenten ihre Eltern ausführen können, wenn sie mal auf Besuch kommen. Das Umspannwerk Ost trägt schon auf den ersten Blick jenen kühlen, aber ambitioniert konservierten Fabrikschick vor sich her, der gleichzeitig Umbruch und Improvisation signalisiert, aber andererseits auch eine zeitgehobene Verpflegung erhoffen lässt. Der über die Maßen hohe Raum mit Kachelwänden, tollen Fenstern, zehn Meter langer Bar und offener Showküche war ursprünglich die Trafohalle des Gebäudes, das seit 1899 die Lampen von Friedrichshain zum Glühen brachte.

Bei einem ersten Erkundungsbesuch hatte ich von der Galerie auf die Showküche geblickt, und das Werkeln der Köche sah von Ferne überaus kompetent und unterhaltsam aus. Beim zweiten Mal saßen wir unten gegenüber der Bar, die lange Bank immerhin gepolstert, Tische und Stühle ansonsten aus schlichtem Holz. Die Weinkarte ist, um es milde zu sagen, extrem ausbaufähig, eine kleine Ansammlung eher wenig bekannter Tropfen. Der Prosecco vorweg schuf immerhin eine Grundlage, während mein Begleiter aus dem ansonsten recht durstigen Blankenese seinen Negroni nach zwei Schlucken von sich schob: zu süß und zu laff.

Erstaunlich, was für nettes Personal sich manchmal in gediegenen Szene-Kneipen verbirgt. Als uns unsere erste Weinwahl doch nicht geheuer schien, tauschte die freundliche, rücksichtsvolle und souveräne Kellnerin ohne Murren die Flaschen aus, der 99er weiße Burgunder, den wir im Tonkühler bekamen, rann dann immerhin ganz tapfer die Kehle hinunter (41 DM).

Berlin ist eine Suppenküche

Bei den Vorspeisen huldigt man dem Patchwork-Prinzip, das ist modern und vorbildlich. Zum kleinen Salat (6,50 DM) kann man sich sättigende Extrazutaten bestellen, zum Beispiel Schafskäse (4 DM). Also, die Blätter knirschten schon ganz schön kräftig zwischen den Zähnen, das Honig-Apfel-Dressing war aber sehr ausgewogen, die vier Tomaten hätte man vielleicht doch zerschneiden sollen, die vielen Lauchröllchen und der Schafskäse waren in Ordnung. Das Brot wird offenbar im Hause selbst gebacken und schmeckt vorzüglich. Auch die Kartoffel-Lauchsuppe war so gelungen, dass mein Begleiter sich schon wieder in seiner alten Ansicht bestärkt sah, dass Berlin im Grunde eine gigantische Suppenküche sei: "Das können sie hier meistens."

Bei den Hauptgerichten wurde es dann problematisch. Studenteneltern aus den geschmacklich feinnervigen südwestlichen Bundesländern könnten das eine oder andere Problem bekommen. Lachsfilet unter Kartoffelschuppen mit Spinat und Dillrahmsauce dürfte in mancher Studentenküche nicht schlechter gelingen. Okay, der Lachs war rosig und saftig, aber mit einer fast unsichtbaren Kruste, deren Geschmack mich an Käseecken erinnerte. Die Kartoffelschuppen waren bleiche, in Scheiben geschnittene Salzkartoffeln. Der Spinat von der Sorte, die unweigerlich zwischen den Zähnen hängenbleibt, die Dillrahmsauce aus Urgroßmutters Grauenkästchen (23,50 DM).

Das Wiener Schnitzel gab es glücklicherweise auch in einer kleinen Ausführung, es war nicht unordentlich, so von der gehobenen Pommesbuden-Qualität, dazu ein ziemlich säuerlicher, lauwarmer Kartoffel-Specksalat und grüner Dschungel-Salat (22,50 DM). Alles gut gemeint, aber in der Ausführung noch sehr verfeinerungsfähig, bis die Szene weiterzieht und sich auch Friedrichshain in den Reigen der gutbürgerlichen Bezirke einreiht. Zum Dessert war Rumfrüchtesalat mit Vanilleeis angekündigt. So leise hatte ich auf Rumtopf gehofft. Stattdesen kamen ein Berg kleingeschnippelten Obstes (Äpfel, Birnen, Orangen, Sternfrüchte, Kiwis, Kapkirschen, Erdbeeren, Weintrauben etc.), das sehr von fern mal an einer Rumflasche geschnuppert haben mag, um eine Ahnung vom Aroma zu kriegen (9,50 DM). Naja. Hauptsache Vitamine. Studenten aus Blankenese, die es gern sturmfrei haben, seien allerdings beruhigt. Sie brauchen nicht zu fürchten, dass ihre Eltern ausgerechnet wegen des guten Essens im Umspannwerk dauernd wieder auf der Matte stehen.

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