Zeitung Heute : Von Tisch zu Tisch: Weinstein in Mitte

Bernd Matthies

Wenn in Berlin der Kampf um die raren Gäste tobt und mehr als ein hoch gelobtes Restaurant in den Konkurs schlittert, dann möchte man jedem Wirt empfehlen, in irgendeiner Nische bessere Zeiten abzuwarten. Wer ein eigenständiges Konzept vorzuweisen hat, steht besser da als Konkurrenten, die das Abkupfern der Rezepte des Nachbarn schon für Kreativität halten. Das "Weinstein" in Mitte hat eine solche Nische offenbar gefunden - allerdings grübele ich immer noch darüber nach, wie man sie definieren könnte. Wein, natürlich, aber den bieten viele andere auch. Kreativität ist gefährlich, denn sie kippt leicht in reine Spielerei um - so war es hier am Anfang. Eine Zeitlang schien es dann, als wolle man mit offensivem Ost-Marketing reüssieren und setzte Reizworte wie "Würzfleisch" auf die Karte. Inzwischen verspricht man schlicht, die Küche sei "regional bis dekadent".

Uns hat es beim Wiederschmecken gefallen, und das ist ein wesentlicher Fortschritt gegenüber dem ersten Besuch kurz nach der Eröffnung. Damals fritierte sich die Küche heillos durch den Viktualienmarkt, wirkte schwer und manchmal unlogisch kombiniert. Ausgesprochen leicht ist sie zwar auch jetzt noch nicht, aber durchdacht und stark vor allem dort, wo sie eher konventionelle Kombinationen geradezu dekonstruktivistisch aufraut: Dünn geschnittener kalter Tafelspitz liegt auf kompakt geformtem Gurkensalat, dazu gibt es einen mit Polenta gefüllten, gebackenen Fenchel - eine fulminante Vorspeise. Von seinem Lehrmeister Johannes King hat Küchenchef Dietmar Priewe den Dreh mit den drei Mini-Suppen auf einmal, und traut sich sogar, eine deftige Berliner Erbsensuppe in das Trio mit Bärlauch und Tomate einzureihen. Die etwas beliebige Vorspeisenkombination mit Wachtelgalantine, gebratener Wachtel, Scampi auf Tomatenconfit und ein paar anderen Elementen zeigt seine sichere Hand beim Würzen und Abschmecken, der gebratene, innen noch schön rote Thunfisch fügt sich bereitwillig in eine mittelmeerisch angehauchte Umgebung, überhöht durch eine Teigvase mit kaltem Tomatengelee.

Ganz so spektakulär ging es nicht weiter bei den eigentlichen Hauptgerichten. Usedomer Wildlachs - wir grübelten über dem weißen Fleisch, ob es nicht doch eher eine Art Lachsforelle sei - mit sanft süßlichen Kerbelknollen witzig akzentuiert, aber beeinträchtigt durch ein pampiges, mit ungeeignetem Reis angerührtes Limonenrisotto; ferner saftiges Stubenküken mit knusprig gebackenen Kartoffeln und vielen aufgehäuften Gemüsestreifen, die mit dem Begriff "Millefeuille" dann doch sehr hochstaplerisch angepriesen waren. Die Desserts können auf angemessenem Niveau mithalten, sie sehen ebenso attraktiv aus, wie sie schmecken: Ananas in drei Versionen, als Sorbet, drunter eine Art, sagen wir: Tatar, drumherum einer der topmodischen Schäume ("Espumas"). Oder eine leichte, aromasatte Birne-Helene-Torte mit prima Nougateis und ein paar birnigen Dekorationen - interessant und animierend. Alle Gerichte gibt es einzeln bis etwa 18 Euro, günstiger aber im Menü, vier Gänge für kulante 39 Euro.

Der Service arbeitet eher im Kneipenstil, was in diesem Rahmen kein Fehler sein muss, denn wer fragt, bekommt zumindest vom Restaurantchef kundig Auskunft. Seine Mitstreiterin, die uns mehrfach unvermittelt anblaffte, muss freilich den sog. Berliner Charme missverstanden haben. Und dass wir mit dem Hinweis, es sei sonst nichts frei, an einen Katzentisch verwiesen wurden, geriet zum Ärgernis, als die größeren Tische nebenan auch nach Stunden noch immer frei waren... Trost findet der Gast hier allemal beim Wein, denn die Karte mit den Schwerpunkten Deutschland und Österreich ist sehr gut und preiswert sortiert, und dass sie sich nicht mit unbezahlbaren Renommiergetränken spreizt, ist aus unserer Sicht kein Fehler. Ein sehr beachtliches Restaurant also, das es schafft, auch seine kleinen Fehler noch als authentische Berliner Kulinar-Folklore erscheinen zu lassen.

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