Von Tisch zu Tisch : Zander

In Heu geschmorte Maibockkeule

Bernd Matthies

Der Hype um Prenzlauer Berg und Friedrichshain lässt nicht nach – wer unter 40 ist und was Berlinisches erleben will, der kommt am Wochenmarkt auf dem Kollwitzplatz ebenso wenig vorbei wie an den Kneipen der Simon-Dach-Straße. Dabei ist es typisch für solche In-Gegenden, dass ernsthaft gutes Essen kaum zu finden ist. An dessen Stelle fluten die aktuellen Modewellen durch: Bitte erwarten Sie nicht, dass wir Ihnen hier noch einen einigermaßen kompletten Überblick über alle vietnamesischen Restaurants und Speisebars und Imbisse geben, die sich dort niedergelassen haben und mit offenbar großem Erfolg allesamt das Gleiche servieren.

Stattdessen habe ich mit Spannung wieder einmal das beste Restaurant in Prenzlauer Berg besucht, um mich zu vergewissern, dass es immer noch das beste ist. Und, wie schön: Es ist. Der „Zander“ in der Kollwitzstraße hat sich sogar seit dem letzten Mal noch deutlich verbessert, weil Küchenchef Roland Albrecht den regionalen Akzent verstärkt und alles vordergründig Experimentelle aus seiner Speisekarte gestrichen hat.

Reden wir erst mal über Wein. Das ist hier ein sehr spannendes Thema, weil Sommelier Matthias Dathan ein profilierter Spezialist ist, der nie einfach nur nach Katalog bestellen würde. Er hat den kompletten Überblick über die deutsche und österreichische Szene, den andere immer nur zu simulieren versuchen, und er verkauft seine Funde wirklich günstig. Den 2006 Grünen Veltliner „Rosensteig“ vom Bio-Weinhof Geyerhof im Kremstal etwa für 26 Euro die Flasche, den 2006 Spätburgunder vom Württemberger Weingut Helmut Dolde für 31 Euro.

Die ausführlich kommentierte Weinkarte ist ein Lesevergnügen, und noch besser ist, dass viele aktuelle Entdeckungen offen ausgeschenkt werden – damit ist auch die passgerechte Begleitung eines komplizierten Menüs ohne finanzielles Abenteuer möglich. Vor allem das komplette ostdeutsche Sortiment, in dem neben bekannten Namen wie Böhme und Schwarz auch gute Kleinstproduzenten wie Fourré und Aust zu finden sind, lohnt jeden Euro.

So, nun zum Essen. Regional orientiert ist es auf jeden Fall – doch es wäre ein Fehler, nun bodenständige Langeweile zu erwarten. Dazu ist Albrechts Stil viel zu eigenwillig, nie an irgendwelchen Klischees orientiert, manchmal ein wenig zu verspielt. Manchmal auch ein wenig zu norddeutsch: Das zuckrige, schon fast als Kaltschale servierte Buttermilch-Dressing ersäufte den feinen Kräutersalat, anstatt ihn zu würzen, das war eine Überdosis. Doch daneben lagen zwei feine Petitessen, ein Stück gerolltes Kaninchenfilet mit Spargel und Jacobsmuscheln sowie etwas roh gebeizte Muschel.

Ohne jede essigsaure Penetranz oder verknorpelte Restelastigkeit gelang die Schweinskopfsülze mit Morcheln und Brot, der in Rotwein eingelegte Matjes in zwei Varianten passte in seiner sanften Süße bestens zur Gurken-Minz-Suppe mit Borretsch, und das feste Heilbuttfilet unter einer dominant aromatischen Petersilienhaube wurde durch Pak Choi und eine Art Crêpe mit Frühlingszwiebeln dezent abgerundet.

Ebenso sicher balanciert zwischen Bodenständigkeit und Originalität waren die Fleischgerichte, etwa die in Heu geschmorte Maibockkeule mit Risotto von Rollgerste oder das in etwas Speck gewickelte Rinderfilet mit Spargel und einer leichten Tomaten-Estragonsauce. Die Desserts bieten keine Höhenflüge, aber allemal einen soliden Abschluss: Valrhona- Schokotörtchen, Variationen von Holunder und Zitrusfrüchten. (Menüs 33/49 Euro, Hauptgänge um 24 Euro).

Gutes Brot gibt es auch, und der Service bietet den raren Charme eines echten Familienbetriebs. Wegen der winzigen offenen Küche mitten im Restaurant würde ich davon abraten, im hinteren oberen Teil des Raums Platz zu nehmen, da wird es gerade im Sommer doch ein wenig stickig. Weiter vorn sitzt man gut, und noch besser, gutes Wetter vorausgesetzt, auf der Terrasse. Dort ist man mitten im gepflegten Trubel der Kollwitzstraße, kein schlechtes Stück Berlin.

Zander, Kollwitzstr. 50, Prenzlauer Berg, Tel. 44057679, nur Abendessen, montags geschlossen.

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