Zeitung Heute : Von Tisch zu Tisch

Elisabeth Binder

Nennt man das Flurbereinigung? Im besten Ausgeh-Charlottenburg hat die Rezession ziemlich getobt. Es mag daran liegen, dass mit der Euroumstellung manche einen Aufschlag auf ihre Preise gemogelt haben, den die Gäste nicht mitmachen wollten, viele Restaurants mussten schließen. Dafür haben inzwischen neue aufgemacht. In der Knesebeckstraße, dort, wo man sich lange vor allem italienische Lokale für die Goldkettchen-Fraktion vorstellen konnte, hat jetzt ein schlichter Grieche eröffnet. Beigerosa gedeckte Tische, griechische Kinobilder an der Wand, eine Bar mit gemütlichen Weinflaschenpyramiden und Aphrodite auf dem Tresen, Kerzen und Papierservietten verspinnen sich zu einem patenten Ambiente ohne folkloristische Atemnot.

Zur krisenfesten Nummer-Sicher-Einrichtung passen die unaufdringlich freundliche, wo nicht immer sehr sprachgewandte Bedienung, und eine Karte, die sich die kulinarische Kür klug verkneift, aber dafür beim Weinangebot ein wenig aufdreht. Die Heftigkeit, mit der uns die diversen Fischgerichte empfohlen wurden, deutete schon darauf hin, dass auch bei einem einigermaßen stromlinienförmigen Griechen der Absatz leicht verderblicher Ware heutzutage nach energischen zusätzlichen Anstößen verlangt. Wir begannen mit der griechischen Variante von Crostini, die, da sie ja auch nicht ohne Tomate und Zwiebel auskam, durchaus einen fantasievolleren Namen verdient hätten als Knoblauchbrot. Tzatziki ohne Makel, wie es sich gehört. Man kann dabei auch eine Menge falsch machen, aber hier schmeckte es recht gelungen nach Hausmacherkunst (2,70 Euro). Um sich abzuheben, könnte man zum Beispiel an den Salaten noch feilen, das ewige Tomate-Gurke-Eisberg-Olive-Punkt-Einerlei etwas kreativer gestalten. Auch griechische Hirten essen doch nicht tagein tagaus das Gleiche. Die Dauerbrenner des Vorspeisenprogramms bieten sich für gezielt gesetzte Pointen sicher besonders an.

Die Dorade wurde auf dem Nebentisch mit großer Sorgfalt filetiert. Allerdings war das Lokal auch nicht besonders voll. Natürlich schmeckte sie nicht wie frisch aus dem Meer gezogen, aber ihr Fleisch war fest und gut, und es gab auch noch Olivenöl dazu. Die Beilage erinnerte an ein bäuerliches Leipziger Allerlei: dicke Möhrenscheiben, schrumpelige Erbsen, Blumenkohl, Bohnen. Dazu hätte Dosenspargel gepasst, aber den haben sie sich immerhin verkniffen (16,50 Euro). Auch zur Seezunge gab es das Gemüse. Sie war paniert, was ihr nicht unnötig viel mehr Format verlieh. Anders als die Dorade war sie dann wohl doch schon ganz dankbar, eine Abnehmerin gefunden zu haben, ließ sich aber mit Zitrone über ihre Sorgenfalten hinwegtrösten (14,50 Euro).

In Retsina muss hier kein Fisch mehr ertrinken. Der fruchtige Ilari (10,70 Euro) bietet sich als moderner Ersatz genauso an wie der charaktervollere und biologisch angebaute Spirandello (13,70 Euro).

Für erneute Versuche, die in einer solchen populären Ausgehgegend sicher nicht ausgeschlossen sind, haben wir bereits das erfreuliche Angebot an vegetarischen Speisen ins Auge gefasst. Der Koch hat ein freundliches Gesicht, und das ist wohl ein gutes Zeichen für eine Küche, die letztlich ja nicht mehr will, als den Alltagshunger mit einer Prise Kommunikation nach mediterraner Art zu würzen. Deshalb noch ein kleiner Tipp: Wenn der Fisch wirklich weg muss, sollte man ihn unter Angabe des Preises offerieren und diesen vielleicht doch noch ein wenig großzügiger gestalten.

Ein Ouzo als Nachtisch, das passt zum Griechen, obwohl man auch hier den Umweg über Joghurt etc. gehen könnte. Mein Begleiter aus dem diesmal gar nicht meinungsfreudigen Blankenese entwickelte plötzlich Lust auf weiteres Nachtleben. Das mag an der Gegend gelegen haben. Vielleicht auch am etwas biederen Charme dieses Restaurants, der im Laufe des Abends eindringlicher wurde, den der Sommer aber leicht vertreiben kann. So finster kann keine Rezession sein, als dass sie das Charlottenburger Nachtleben auf dem Trottoir ernsthaft gefährden könnte.

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