Zeitung Heute : Von wegen Ferien

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Von Christine Lemke-Matwey

Erste und letzte Sätze sind immer die Hölle. Wie bloß enden, wo beginnen? Vielleicht damit, dass wir als Kinder, meine weißblondbezopfte Schwester und ich, mal sehr lange und dann wieder nur sehr kurze Sommerferien hatten, umzugshalber und je nach dem, ob es gerade von Hamburg nach München ging oder aus der beschaulichen Oberpfalz in die stacheldrahtbefestigte Bundesstadt Bonn. Ich genoss es jedenfalls, hin und wieder die „Neue“ zu sein, und Pisa ließ schon damals grüßen. In Fragen der Kurvendiskussion etwa verspüre ich bis heute starke Mängel (dieser Kelch ging, umzugshalber, an mir vorüber), während mich der „Steppenwolf“, den ich als prosaische Männerei früh verachten lernte, gleich zweimal hintereinander traf – was letztlich weder an meiner Bewunderung für Max Frischs „Stiller“ etwas änderte, der knapp verfehlten Alternative, noch an meiner Verachtung für Hermann Hesse. Ein ungleich schlimmeres Debakel ereignete sich wenige Schulen später, als wir im Musikunterricht zwischen Schönbergs „Verklärter Nacht“ und den Rolling Stones wählen durften, und ich begriff, dass es nichts Undemokratischeres gibt als die Musikliebe.

Oder beginne ich besser damit, dass das Schreiben mit den Jahren immer zwanghaftere, rituellere Züge annimmt? Man muss ja nicht Thomas Mann heißen und, ganz im Gegensatz zu Hesse, ein Pedant sein, aber die richtigen Preziosen auf dem richtigen Schreibtisch, drei gespitzte Faber-Castell-Bleistifte und ein Jade-Buddha, das will schon sein. Ich zum Beispiel kann nur einen Gedanken fassen, wenn mein jeweils letzter Text in Blick- bzw. Griffweite liegt, als Mahnmal, schwarz auf beige, als Lebendköder für den inneren Schweinehund, der da knurrt und seine Reißzähne bleckt, du schaffst es nicht, du schaffst es nicht, diesmal wirst du keinen ersten und keinen letzten Satz finden und auch nichts dazwischen. Womit ich beim Thema wäre, denn Ferienzeit ist Festspielzeit. Schlechte Karten also für kleine Rituale, gute Karten für große Rituale.

In jeder brandenburgischen Scheune säbelt derzeit ein berühmtes Streichquartett, und allüberall schütteln die Hässlichen und Reichen dieser Welt das letzte Mottenpulver aus ihren Roben, für Schleswig-Holstein, Bayreuth, Pesaro und Aix. Allein wer dies alles für die Ewigkeit festhält und beschreibt und unter welch haarsträubenden Umständen, das fragt niemand. Oder haben Sie, liebe Leser, Ihre Arbeit schon einmal zwischen Porridge und Baked Beans auf einem schottischen Hochlandsofa verrichtet (Edinburgh Festival), kennen Sie die Autobahnraststätte am Irschenberg in finsterer Nacht (auf dem Weg von Salzburg nach Bayreuth), und überhaupt, verdienen Sie Ihr Geld, während andere sich am Wannsee aalen? Nein. Dacht’ ich’s mir. Na denn, schöne Ferien allerseits. Und lesen Sie doch, was Sie wollen.

Die Autorin ist Musikredakteurin des Tagesspiegel.

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